DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

APHORISMEN - V

Die Ruhe des Gemüts auffinden, in stiller Betrachtung die Schönheit der Natur empfinden, weise das Leben und den Tod abwägen – bis das Zünglein in der Mitte steht, in allem und über allem die göttliche Kraft erkennen: dann wäre kein Bedarf mehr, Papier für Bücher vollzuschreiben, und wenn doch,…

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Beliebt ist, über die Leiden und Krisen anderer sich zu besprechen, über die Ursachen, was sie falsch gemacht und was ihnen nottäte, ihren Zustand zu bessern. Schon die körperlichen Gebrechen geben hierzu einen nimmerendenden Jahrmarkt, wo die Waren gewendet und umgeschlagen werden…

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Im Rückblick sind die wirklichen Freuden des Lebens aus dem Leid, aus mißlichen Umständen entstanden, und auch unsere Begegnungen finden ihr Gewicht in den Schmerzen, mit welchen sie einst verbunden waren. Entweder konnte man anderen Menschen in ihrem Elende helfen,…

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In der Krise verschlechtert sich der Zustand eines Menschen solange, bis er die Grenze des Erträglichen erreicht. Dann erst beginnt sein Widerstand, der Kampfesgeist erwacht, von neuem wird er von Lebenskraft durchströmt, und dies zeigt bereits ein Aufwärtsstreben der Gemütsverfassung an….

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Zwar sollten große Werke eher einer Seele Überfluß an Kraft bezeugen als den Abfluß ihres aufgestauten Elends, doch ist gleichwohl nicht zu leugnen, daß Wohlbefinden und Zufriedenheit die Menschen allgemein zu seichtem Lebenswandel leitet, zu spielerischen,…

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Wie an anderer Stelle gesagt, ist die Werbung das Betteln der Geschäftsleute beim Volke, und wie der Trinker vom Erbettelten nicht das nötige Stück Brot zum Überleben kauft, sondern die nächste Flasche, so braucht der wohlhabende Geschäftsmann die durch Werbung erbettelten Gelder nur,…

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Montaigne meint, eine «Tugendhafte Tat» müsse, im Gegesatz zur bloß «Guten Tat» gegen innern und äußern Widerstand zustande gebracht worden sein. Was leicht ginge, könne diese hohe Auszeichnung nicht führen.

Demgemäß finde ich bei mir gar keine Tugend,…

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Wenn es mit der Moral schlecht steht und man sich wie der nichtswürdigste, nichtsnutzigste Mensch vorkommt, so hilft zuweilen, unter die Menschen zu gehen, denn man sieht, wie die andern gar nicht merken, welch liederlich erbärmliches Geschöpf man ist,…

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Einige Male in unserem Leben träumen wir einen schrecklichen Traum. Nicht ein Alptraum wie zuweilen, wo wir bedrängt, verfolgt, geschnitten, gebrannt und wohl gar gemordet werden – nein, in diesem seltenen Traum, verfolgen wir selbst und schneiden und brennen und zerstückeln und womöglich unsere eignen Kinder,…

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So wenig sich ein Vater vorkommt, als hätte er aus sich selbst einen Menschen geschaffen, so wenig sollte sich ein Künstler als Schöpfer seiner Werke, ein Philosoph als Erfinder seiner Gedanken sehen. Ein jeder ist nur Weiterträger eines Keimes, hier der Kultur, dort der Natur. Und doch mögen ihre Werke lebendig werden.

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