DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

26. Juni 2013

Ich zeige das menschliche Wesen auf eine Art, die in ihrer Konsequenz und Kompromisslosigkeit sonst nirgendwo zu finden ist. Zur Bekräftigung meiner Erkenntnisse suche ich dabei keinerlei Belege aus wissenschaftlichen Untersuchungen oder statistischen Erhebungen, sondern berufe mich ausschließlich auf Selbstbeobachtung und Erkundung meiner inneren Regungen, auf die Motive, die meinem eigenen Verhalten zu Grunde liegen. In andere Menschen kann ich auf keine Weise hineinblicken und müßte mich daher jeglichen Urteils über ihre Motive enthalten. Trotzdem wage ich, wenn ich bei ihnen ein ähnliches Verhalten beobachte, den Schluß, daß auch ähnliche Motive gewirkt haben. Wenn ich also bei mir selbst erkenne, daß ich aus Geltungsdrang so und so gehandelt habe und nun einen sehe, der sich ebenso benimmt, so schließe ich daraus, daß hier ebenfalls der Geltungsdrang am Werke sei. Darin liegt sicherlich etwas Anmaßendes, zumal  nicht wenige von ihnen behaupten, sie würden von ganz anderen, vor allem selbstlosen Motiven bewegt. Ich kann in solchem Falle freilich nicht das Gegenteil beweisen, aber ebensowenig kann ich meine eigenen Erkenntnisse einfach beiseite schieben – weil ich sonst ihre Worte höher ansetzen müsste als meine Beobachtung, die Beobachtung meiner selbst, die mir das Allernächste und Wahrhaftigste ist.

Also bleibe ich bei meiner Anmaßung und werde darin auch bestärkt durch den Umstand, daß ich in früheren Tagen, vor meiner jetzigen Analytik und mikroskopischen Selbstschau, ähnlich gesprochen habe wie sie und mir die feineren Hintergründe und Motive meines Verhaltens nicht in diesem Maße bewusst waren.

Jedenfalls kann ich, wegen ihrer Einwände, nicht meine eigene Erkenntnis sausen lassen. Es geht mir dabei wie einem Maler, der eine Gruppe von Menschen auf seiner Leinwand abbildet, dabei das in seinen Augen Charakteristische einer jeden Person darstellt, und dem nun einer aus der Gruppe klagte, er sei schlecht getroffen und sähe in der eigenen Wahrnehmung ganz anders aus. Was sollte ihm da der Maler antworten? Er wird vielleicht zugestehen, sein Bild sei nicht in dem Sinne objektiv, daß alle darauf Abgebildeten sich sogleich wiederfänden, aber keinesfalls wird er es deswegen übermalen oder dem Geschmack des Modells anpassen. Man wird von einem ehrbaren Künstler kaum erwarten, dass er die Welt anders abbilde, als er sie sieht, und ebenso ungereimt käme es mir vor, an meiner Darstellung etwas zu ändern, solange meine Wahrheit in so klaren Lettern und schlüssigen Zusammenhängen vor mir steht.