DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

17. Juni 2013

Wenn ich mein Handeln überdenke, was ich falsch gemacht, was hätte anders tun sollen, wo ich schuldig geworden, wem Unrecht getan, wen verletzt, wie ich vor mir selber bestehen, mich im Spiegel betrachten kann, so ist dies die Ebene, auf die mich mein Bewusstsein unmittelbar hinführt, es sind die Fragestellungen, auf die mich die Mitmenschen und Zeitgenossen seit frühester Kindheit konditioniert haben, ja die, seit Menschen darüber schreiben, das Moralische und das Gewissen definieren.

Wenn ich dann aber tiefer in mich blicke und analysiere, was hinter diesen Fragen und Gefühlen steckt, alle konventionellen Denk- und Redeweisen einmal durchbreche, so gelange ich immer und jedes Mal an dieselben und letzten Fragen: Habe ich mit meinem Verhalten jemanden gegen mich erzürnt, wird er mich jetzt weniger lieben, mich verachten, bei andern gegen mich hetzen, werden sie über mich tuscheln oder sich gar verschwören? – und würde man die Summe dieser Fragen als den Zähler eines Bruches ansehen, so wäre der Nenner: Wird meine Position dadurch geschwächt? Darin liegt die eigentliche Bedrohung, die mir die Laune verdirbt, mich ängstigt und niederschlägt – die man aber irrtümlich bzw. vordergründig Schuldgefühl, schlechtes Gewissen oder Zweifel am Selbstwert nennt. In Wahrheit nämlich habe ich gar kein Schuldgefühl und nicht im mindesten Sorge, etwas falsch gemacht zu haben, es stehen meinem Verstande immer genügend Argumente zur Verfügung, mein Verhalten zu rechtfertigen und die Schuld stattdessen anderen zuzuschieben. Was mich in Wahrheit plagt und womöglich zur Reue stimmt, ist nichts als die Sorge, wie ich jetzt bei andern dastehe, geachtet, geliebt oder eben gehasst und gemieden werde – d.h. ob meine Position gestiegen oder gefallen ist.