DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

13. Juni 2013

Alle wirklichen Leiden kommen dem Menschen durch Zurücksetzung. Von akuten körperlichen Schmerzen abgesehen, die aber in der Regel nur kurz andauern oder nur schwere Krankheit und das Alter betreffen, ist es immer das Gefühl, weniger zu gelten,  unattraktiv, ungeliebt zu sein, verloren zu haben, unterlegen, betrogen, ausgenutzt zu sein, sich blamiert zu haben, als Schwächling, als Versager dazustehen, was den Menschen unglücklich macht. In der Liebe, im Beruf, im Spiel, in der Kunst, unter Freunden – immer ist es der Mangel an Geltung, Einfluß und Macht, immer ist es der unbefriedigte Egoismus, der die seelischen Schmerzen hervorruft.

Die meisten Weisheitslehren empfehlen daher den Rückzug aus diesem endlosen Ringen um die besseren Plätze und sehen das Heil stattdessen in Überwindung von Ehrgeiz, Eitelkeit, Streben nach Macht und Reichtum. Sie predigen Meditation, Rückzug auf sich selbst, auf Frömmigkeit, Genügsamkeit und hoffen, auf diese Weise der Gefahr zu entgehen und die größten Schmerzen zu vermeiden – wer nicht mitspielt, kann schließlich nicht verlieren. Allerdings schaffen sie mit den neuen Zielen auch gleich wieder neue Disziplinen für den allgegenwärtigen und tief in der Natur verwurzelten Wettkampfsgeist: Es geht jetzt nämlich darum, wer den wenigsten Ehrgeiz, die wenigste Eitelkeit zeigt, wer am glaubwürdigsten auf Macht und Reichtum verzichtet, wer der Genügsamste, Bescheidenste, Frömmste – Weiseste ist? Und schon gibt es wieder Auf- und Abstieg, Ruhm und Zurücksetzung, Bewunderung und Demütigung – und also Glück und Schmerz.

Am Ende bleiben jedenfalls Zweifel, ob den seelischen Schmerzen überhaupt zu entkommen ist, oder ob sie nicht das notwendige Pendant zu den Glücksgefühlen sind: Wenn wir steigen sind wir glücklich, wenn wir fallen tut es weh, aber wir können nicht immer steigen, und schon gar nicht können alle steigen, denn steigen heißt hier, im Verhältnis zu anderen steigen, weil nur dieses glücklich macht. Würden alle gleichermaßen steigen, so bliebe ja alles beim alten, und selbst wenn jeder König wäre, wäre keiner König – aber alle wären unglücklich, weil niemand sich auszeichnen könnte.

Für jeden, der steigt, muß also wenigstens ein anderer fallen, und, wie die Erfahrung zeigt, scheint auch der Gewinner an seinen Siegen nicht dauerhafte Freude zu haben, denn die Verlierer finden gewöhnlich Mittel, ihn wieder von seinem Podest herabzuziehen, ihn zu demütigen, bloßzustellen, auszuschließen, und er wird in der Summe vielleicht genauso vieles leiden als wie die zunächst ihm Unterlegenen. Nicht ohne Grund brauchen die Großen und Berühmten am meisten Hilfe von Psychologen und Therapeuten, sind regelmäßig Gast in Kuren und Selbsterfahrungskursen, oder sie verfallen Medikamenten und Drogen und bringen sich am Ende noch gar ums Leben.

Wie der Aufstieg so kennt auch die Zurücksetzung keinen absoluten Grad, sie ist immer relativ und kann daher den Höchsten genauso und vielleicht noch empfindlicher treffen als den Geringen. Wer gerade auf der Woge der Souveränität dahinsegelt, kann sich seinen eigenen Fall nicht vorstellen und sieht mit Verachtung auf die Schwächlichkeit und Kränklichkeit der andern. Aber zuverlässig wird ihn die nächste schlechte Laune daran erinnern, dass auch er noch teilnimmt an diesem ewigen Wechselspiel von Geltung und Zurücksetzung – denn seine schlechte Laune ist nichts als die Wirkung einer tatsächlichen oder eingebildeten Zurücksetzung.