DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

11. Juni 2013

Der Grundsatz aller Philosophen und vernünftig Denkenden, dass nichts ohne eine Ursache geschehen könne, jede Veränderung einen Grund, jede Handlung ein Motiv haben müsse, ist im Grunde ebenso nur eine Meinung unter anderen und keineswegs zwingend. Warum sollte etwas nicht einfach nur so geschehen können, als ursprünglicher Schöpfungsakt, als ein Hervorgehen aus dem Nichts, als eine unbewegte Bewegung, als ein Ursprung aus sich selbst, als ein Substanz gewordener Gedanke, der selbst wiederum aus dem Nichts aufblitzt? Wenn Schöpfungskraft, Genialität und Wunderwirkung in den Dingen selbst läge, ohne dass dahinter wiederum ein Grund und ganz am Ende ein Gott als letzte Ursache stünde, ja wenn sogar überhaupt alle Geschehnisse, die wir als Wirkung einer Ursache verstehen, im Grunde diese Verbindung gar nicht hätten, sondern vollkommen aus sich selbst entstünden, ohne Zusammenhang mit etwas ihnen Vorhergehendem und all diese Verknüpfungen nur in unserem Gehirn stattfänden, nur Ergebnis unserer eingeschränkten und einschränkenden Sichtweise wären? – wie uns dies im übrigen ja Kant auf seine eigentümliche Weise dargetan! Oder wenn dieses Verknüpfen nur eine unserer Angewohnheiten wäre, uns so selbstverständlich geworden, daß wir sie für Natur und unumstößliche Wahrheit hielten – wie man auch die Existenz von Göttern und Wundern für unbezweifelbar hält, sofern man von frühester Kindheit an nichts anderes gehört hat?

Es könnte also alles so oder so sein. Nur sehe ich in dieser Tatsache keinen Grund, deswegen mit dem Denken, logischen Schließen, nach Ursachen und Zusammenhängen Forschen aufzuhören. Es bereitet nämlich allen, die darin ein gewisses Talent verspüren, einen ewig sprudelnden Quell des Vergnügens – und dieses Vergnügen kommt aus dem Wettkampf der mit dieser Tätigkeit verbunden, ja der ihr eigentlich zugrunde liegt. Das Verknüpfen und  Ergründen, das Setzen und Erkennen der Zusammenhänge, das Argumentieren, um Wissen und Erkenntnis Streiten, ist nichts als eine Form, eine Disziplin, in welcher mit geistigen Mitteln der ewige und allgegenwärtige Wettkampf aller natürlichen Wesen untereinander austragen wird. Und dieses Wettkämpfen, vor allem natürlich das Gewinnen und Triumphieren, ist das schönste was die Welt zu bieten hat!

Was einer allerdings genießen könnte, wenn er das Denken und logische Schließen zurückstellte, welche Unterhaltungen und Erfüllungen er in anderen Wahrnehmungen und Schaffenskräften, in anderen Disziplinen fände, das bleibe einmal dahingestellt. Wir dürfen aber voraussetzen, daß es überall Gelegenheit zum Wettkampf und zum Triumphieren gibt. Zumindest scheinen ja die Wundergläubigen, Naiven, ganz ihren Emotionen Hingegebenen in keiner Weise unglücklicher zu sein als die Vernünftigen und logisch Denkenden.