DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

5. Mai 2013

Die absolute Wahrheit in philosophischem oder theologischem Sinne existiert nicht, und selbst wenn es sie irgendwo gäbe, so spielte dies für uns Wahrheit-Suchende gar keine Rolle. Die Suche nach Wahrheit ist wie ein Wettkampf im Sport: wir versuchen die Kontrahenten zu übertreffen und auszustechen, den Beifall des Publikums und den Ruhm der Nachwelt zu erlangen, aber nicht eine absolute oder endgültige Marke zu setzen. So wenig es beim Hundertmeterlauf darauf ankommt, eine bestimmte Zeit zu laufen oder beim Fußball, eine bestimmte Anzahl Tore zu schießen, sondern bei jenem nur darauf, schneller als die andern zu sein, hier, mehr Tore als der Gegner zu schießen. Ebenso ist das Ziel unserer Wahrheitssuche nur, die andern im Disput zu übertreffen und etwas Neues, Unerhörtes in die Welt zu setzen, mit Redekunst und Schlagfertigkeit und Einfallsreichtum die Konkurrenten niederzuringen.

Eine absolute Wahrheit kann demnach weder gefunden noch auch nur angenähert werden – und am Ende nicht einmal erwünscht sein. Sie ist ein leerer und letztlich sinnloser Begriff. Und selbst wenn es sie gäbe und einer sie erkennen könnte, so wäre doch der ganze Witz dahin sobald es einem andern ebenso gelänge, weil alsbald der Triumph des Ersteren verdorben und sein Sieg zu nichts zerronnen wäre. Könnte ein Hundertmeterläufer selbst in null Sekunden die Distanz bewältigen, so würde es ihm doch nichts helfen, sobald anderen dasselbe gelänge.