DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

1. Mai 2013

Wir können davon ausgehen, dass jedes Mal, wenn einer ein Urteil über menschliches Handeln abgibt, ihn ein persönliches Motiv antreibt. Es geht immer um einen Vorteil oder um die Furcht eines Nachteils, manchmal materieller Art, meistens jedoch, weil er um sein Ansehen besorgt ist oder um dasjenige einer Gruppe, der er sich zugehörig fühlt, und deren Ansehen wiederum sein eigenes hebt oder schmälert. Oft ist Fantasie und ein Blick in die Tiefen der menschlichen Seele erfordert, um die verschlungenen Umwege und die subtilen Verknüpfungen zu erkunden, aber man wird am Ende immer fündig.

Ginge es in keiner Weise um unseren Vorteil, so würden uns die Taten der andern auch nichts angehen, und wir hätten keinen Grund, uns darüber lobend oder scheltend auszulassen. Wir würden sie viel mehr betrachten wie wir eine schöne Landschaft betrachten, interessant finden wie das Balzverhalten der Tiere oder ihren Kampf um Lebensraum und Nahrung.

Diese Erkenntnis hat mich nun keineswegs dahin gebracht, die Menschen für schlechter zu halten oder ihren Egoismus anzuklagen – der mir vielmehr als das Natürlichste und Selbstverständlichste von der Welt erscheint – sie leitet mich nur zu einer gewissen Vorsicht: Wenn andere ihre Wertungen vorbringen, erwarten sie, dass man in der Angelegenheit ebenso Stellung beziehe und vor allem, dass man ihnen beipflichte. Wenn ich aber sogleich erkenne, dass es hier nur um ihren Vorteil und um ihr Ansehen zu schaffen ist, werde ich mich weniger in der Pflicht sehen, ihnen beizustimmen und mich vor ihren Karren spannen zu lassen. Ich werde gelassen zuhören wie der Amsel beim Singen, dem Specht beim Knattern und der Krähe beim Krähen.