DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

28. April 2013

Naturgesetze sind reine Kunstprodukte des Menschen. Das beginnt schon mit den ersten Grundlagen der Wissenschaft, denn in der Natur ist nichts abgemessen, sie kennt keine Zahlen, sie kennt keine Zeitrechnung und Längenmessung. Zwar gibt es in der Natur etwa einen unaufhörlichen Wechsel zwischen Tag und Nacht und es gibt auch Entfernungen von einem Ding zum andern. Die Idee aber, sich hierfür eine Messmethode zu schaffen, an der sich alle Menschen orientieren können, also etwa eine Maschine, die vierundzwanzig mal schlägt von einem Sonnenhöchststand zum anderen, oder eine Latte, mit der man Entfernungen misst, indem man abzählt, wie oft sie von einem Ort zum andern umgeschlagen werden kann, das ist das Kunstprodukt des Menschen, denn in der Natur besteht für solche Messungen keinerlei Notwendigkeit.

Hätte sich der Mensch etwa andere Prioritäten gesucht als dieses zahlenmäßige Vergleichssystem zu erschaffen, hätte er etwa die Priorität in der individuellen Empfindung gesucht, also wie lange einem Einzelnen die Zeit von einem Tag zum andern erscheint, wie lange sie ihm heute erscheint im Gegensatz zu morgen, wie lange im Vergleich zu seinem Freund oder Bruder, wie lange ihm der Weg von A nach B erscheint im Verhältnis zu gestern oder vor drei Wochen, wäre also seine ganze Aufmerksamkeit auf diese Empfindungen gerichtet, so hätte er zwar keinen zahlenmäßigen Maßstab, um sich mit anderen auszutauschen und abzusprechen, aber er hätte vielleicht eine feinsinnige Sprache und Ausdrucksweise entwickelt, mit denen er seine Befindlichkeit und Wahrnehmung hätte kommunizieren können, wäre damit zu ganz andersartigen aber vielleicht nicht weniger wertvollen und nützlichen Errungenschaften gelangt. Vielleicht wären ihm technische Maschinen und Hilfsgeräte versagt geblieben, aber wenn er mit gleicher Intelligenz und gleich vieler Energie sich in die Erforschung dieser gefühlten Zusammenhänge begeben hätte, hätte er vermutlich auch gleich viel Sinnvolles und Erquickliches hervorgebracht. In einem gewissen, die bloße Erkenntnis betreffenden Sinne wäre er dadurch der Natur vielleicht sogar näher gekommen, weil diese Gefühle über Zeit- und Raumabstände unmittelbarer aus der Natur zu uns sprechen, als die zahlenmäßige Abmessung durch Apparaturen und Messstäbe.

Dies darf nicht missverstanden werden als Stellungnahme gegen die Technik und heutige Naturwissenschaft und für eine romantische Aufwertung unserer Gefühlswelt. Es soll nur zeigen, dass die Naturgesetze, wie wir sie nennen, keinesfalls in der Natur liegen oder aus ihr kommen, sondern ausschließlich Kunstprodukte des Menschen sind, die so oder auch ganz anders hätten ausgedacht werden könnnen und die nur insofern natürlich sind, als auch der Mensch, samt allem was er tut und schafft, ein Produkt dieser Natur ist.