DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

27. April 2013

Der Mensch sucht überall den Wettbewerb und schafft sich dazu alle denkbaren Disziplinen, für die in der Natur zunächst keinerlei Anlass oder Notwendigkeit bestünde. Er will sich messen im Sport, in der Kunst, in der Wissenschaft, im Kriege, in der Moral oder sich wenigstens Protagonisten wählen, die für ihn um den besten Platz ringen, mit denen, wenn sie gewinnen, er sich als Sieger fühlen kann, an deren Ruhm er sich beteiligt fühlt.

In den Religionen geht es darum wer am frömmsten ist, wer den Göttern am nächsten steht, in der Wissenschaft wer die besten Argumente liefert, im zivilen Leben wer der beste Demokrat, der beste Humanist, Menschenrechtler ist, wer sich am besten für die Rechte der Armen und Benachteiligten einsetzt, wer gegen Atomkraft oder für eine höhere Wirtschaftsleistung streitet, als Vegetarier den Verzehr von Tieren ächtet, für die Freiheit der Meinungsäußerung kämpft, für die Gleichberechtigung von Randgruppen – oder jeweils deren Gegenteil.

Dies alles sind nur verschiedene Disziplinen für den einen Drang, nämlich hervorzuragen und andere zu besiegen. Insofern stimme ich dem Philosophen David Precht zu, dass Fußball heute zum Ersatz für Religion geworden sei. Allerdings nennt diese Aussage den Kern der Sache noch nicht beim Namen, denn was hinter beiden steckt, was den Menschen eigentlich sowohl zur religiösen als auch zur sportlichen Begeisterung antreibt, es ist der Wettbewerb.

Wenn nun die eine Disziplin aus der Mode kommt, wie heute vielenteils die Religion, so sucht sich der Mensch eine andere Disziplin, und dies mag etwa der Fußball sein. Was früher den Menschen für seinen Orden begeistern konnte, für besonders Fromme und Heilige, welche ihm vorgestanden, das kann ihm heute seine Fußballmannschaft sein, an deren Ruhm er sich ergötzt als habe er die Leistung selbst vollbracht. Aber all diese Disziplinen sind Kunstprodukte des Menschen, einem steten Wandel und den Moden unterworfen, denn wofür man heute Lorbeeren erntet, das war früher geradezu verpönt und wird in wenigen hundert Jahren wiederum verpönt sein – wenn neue Disziplinen in Mode stehen.