DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

26. April 2013

Gerechtigkeit ist kein himmlisches Gebilde aus Idealen, sondern ein Konglomerat aus vielerlei Werten und Regeln mit dem einzigen Zweck, den sozialen und zwischenmenschlichen Frieden zu fördern. Was Gerechtigkeit in einem höheren, absoluten, allgemeingültigen Sinne wäre, kann auf keine Weise definiert werden. Ob es gerecht wäre, wenn alle gleich viel hätten, unabhängig ihrer Herkunft, unabhängig ihrer Leistung, oder ob alles von der Herkunft oder der persönlichen Leistung abhängen soll und jeder, nach seiner Stärke oder seinem Talent, sich nehmen solle was ihm beliebt, nach einem freien Spiel der Kräfte – was von derlei Vorstellungen letztlich gerecht sei, ist nirgendwo in der Natur oder im Himmel festgeschrieben. Vielmehr so, wie sich die unterschiedlichen Kräfte auf die Menschen verschieden verteilen, so wird auch, was gerecht sei, verschieden gesehen und letztlich in irgendeiner Mischung im Wertesystem und Gesetzeswesen einer Gesellschaft festgeschrieben.

Beispiel: Dass die Stärkeren und Kräftigeren von ihrem Überschuss etwas an die Bedürftigeren abgeben sollen und etwa einem höheren Steuersatz unterliegen, hat mitnichten etwas mit Gerechtigkeit im Sinne von Gleichheit und Gleichbehandlung zu tun, denn bei Gleichbehandlung müsste ja jeder nur so viele Steuern bezahlen, als er Leistungen des Staates für sich in Anspruch nimmt. Nein, es soll allein zur Wahrung des sozialen Friedens dienen, auf dass die Elenden und Bedürftigen sich nicht zusammenrotten und, weil sie ja in der Mehrheit sind, mit guten Chancen die Reichen überwältigen und überhaupt den Staat ins Chaos stürzen könnten. Beispiel: Viele Streitigkeiten in einer zivilen Gesellschaft drehen sich um Erbschaft: sollen alle Erbberechtigten gleich viel haben, oder die mehr, welche den Erblasser im Alter gepflegt oder ihm sonst wie zu Gefallen waren oder Vorleistungen erhielten oder erbracht haben usw. Alle beteiligten Parteien argumentieren stets mit der Gerechtigkeit, obwohl in keiner Weise auszumachen ist, was diese eigentlich sei. Nicht einmal eine Erbberechtigung an sich lässt sich aus einem Naturrecht herleiten: Warum soll jemand überhaupt etwas erben, warum nicht, wie schon erwähnt, jeder von vorne beginnen und allein durch seine Leistungen zu Erfolg und Vermögen kommen? Warum soll, andererseits, der Erblasser nicht völlig frei sein, über den Verbleib seiner Güter zu entscheiden, also entweder seine Nachkommen mit dem Privileg großen Reichtums versehen oder sie, wenn es ihm beliebt, völlig enterben? Welches Recht maßt sich schließlich ein Erbe auf seinen Anspruch an?

Das Werte- und Gesetzeswesen, welches Gerechtigkeit vorschreiben und durchsetzen soll, hat, wie gesagt, den sozialen Frieden und die Ruhe im Staate zum Ziel. Dazu müssen Regeln aufgestellt und von Gerichten durchgesetzt werden, und dadurch wird eine scheinbare Neutralität geschaffen usw. usw. Nur sollte diese Friedensarbeit eine gewisse Grenze vielleicht nicht überschreiten. Wenn nämlich – zur Beruhigung der Bedürftigen – alles umverteilt würde, so wäre zwar von unten keine Unruhe mehr zu fürchten aber auch von keiner Gruppe der Gesellschaft mehr irgendwelche Aktivität und Leistung zu erwarten.

Warum überhaupt die Gerechtigkeit so hochgehalten wird wie ein himmlisches Gut und der Gerechte wie ein Heiliger allseits Lob erfährt, kommt letztlich daher, dass er die Interessen der Gesellschaft so sehr befördert und jeder sich von solchem Tun einen direkten oder indirekten Vorteil verspricht – ist also Ausdruck des Egoismus aller Beteiligten.