DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

11. April 2013

Alles Schöne, alles Hässliche, alles Erfreuliche und alles Verdrießliche im Umgang mit anderen Menschen hat seinen Grund nirgendwo anders als in unserer Eitelkeit und Eigenliebe. Schön und erfreulich ist, wenn wir geachtet und geliebt, bewundert und liebkost werden, aber nichts schlägt mehr aufs Gemüt als wenn man uns nicht gelten lässt, kritisiert, beschimpft, beleidigt, kränkt, wenn wir mit unseren Argumenten unterliegen, andere uns den Rang ablaufen und bevorzugt werden.

Diese Eitelkeit ist der Grund, warum wir Gesellschaft suchen, uns auf Liebschaften einlassen, uns nützlich machen und nach Verdiensten streben – aber sie ist ebenso der Grund, wenn wir Gesellschaft und Streitgespräche meiden, uns auf uns selbst zurückziehen, dem Wettbewerb um Schönheit und Reichtum entsagen. Sie weckt einerseits unseren Ehrgeiz, ohne den nichts Schönes und Großes zu Stande käme, sie macht uns wehrhaft gegen Angriffe unserer Konkurrenten und läßt unsere Talente blühen – aber sie leitet auch an, unseren Frieden in Rückzug und in der Einsamkeit zu suchen, um den Niederlagen und Demütigungen zu entgehen.

Es gibt nur wenige Freuden und Leiden, die nicht von der Eitelkeit dominiert werden: Kälte und Hunger oder schwere Krankheit, die Freuden einer guten Tafel oder das Finale im Liebesakt. Doch würde ich meinen, dass selbst noch in diesen Freuden und Leiden unser Geltungsdrang und unsere Eitelkeit eine maßgebliche Rolle spielen, und selbst die Freuden der Kunstgenüsse hängen davon ab, wie wir uns in den Werken wiederfinden, d.h. uns selbst und unseren Geschmack bei anderen bestätigt sehen.