DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

10. April 2013

Wenn wir nicht Angst hätten, uns lächerlich oder bei den Neidern verhasst zu machen, wäre uns kein Lob jemals zu groß und keine Schmeichelei zu dick aufgetragen. Wir würden wachsen bei dem Lob unserer Größe, aufblühen bei dem Preis unserer Schönheit und, dem Genie gleich, alles überstrahlen bei der Bewunderung unserer Klugheit. Im Grunde gefällt uns jedes Lob und jede Schmeichelei, solange wir nur irgend eine Spur von günstiger Gesinnung beim Lobenden vermuten oder eine günstige Wirkung auf das Publikum erhoffen. Nur wenn wir argwöhnen, man wolle uns hochnehmen, obsiegt in uns die Vorsicht und wir wehren ab und mimen den Bescheidenen. Zu vieles Lob müssen wir auch deswegen von uns weisen, weil wir den Hass derer auf uns zögen, die nicht dulden, dass andere oder wir selbst uns für besser halten. Der bescheidene Lobverächter ist also nicht weniger eitel sondern nur weniger einfältig, denn er erkennt rechtzeitig, wohin die offen gezeigte Selbstgefälligkeit uns bringt.

Zuletzt kann die Schmeichelei auch eine unangenehme Komponente haben, wenn sie nämlich von einer niedrigen und wenig geachteten Person vorgebracht wird: wir fürchten dann als einer dazustehen, der auf solch schnöde Nahrung angewiesen ist. Dennoch hat selbst diese Schmeichelei noch ihren wohltuenden Part.