DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

24. Februar 2013

Gerd Bosbach rückt in seinem Buch „Lügen mit Zahlen“ verschiedene Statistiken zurecht, indem er sie in ihren Relationen darstellt. Etwa die allgemein verbreitete Furcht vor einer Explosion der Kosten des Gesundheitswesens. Aus seiner Darstellung erhellt: Wenn wir die Entwicklung dieser Kosten ins Verhältnis stellen zur Entwicklung des Bruttosozialproduktes, ergibt sich, dass die Kosten gar nicht oder nur unmerklich gestiegen sind. Absolut gesehen schon, aber, so sagt er, es sei ja nur angemessen, dass, wenn man wohlhabender würde, man auch im gleichen Verhältnis mehr für seine Gesundheit ausgebe.

Auf dieselbe Weise ließe sich noch vieles relativieren und auf den Boden zurückholen, was von sensationslustigen Unheilverkündern in die Welt gestreut wird. Ich wehre mich zwar auch gegen die Illusion, dass die Welt durch den Fortschritt besser geworden und die Leute heute glücklicher lebten, aber ebenso zweifle ich an den Gespenstern, wonach wir etwa durch das viele Starren auf Bildschirme viereckige Köpfe bekämen – da müßten ja die Büchernarren seit je viereckige Köpfe haben.

Man sagt, dass die Kriege noch nie so grausam geführt und die Opfer noch nie so zahllos gewesen als im 20. Jahrhundert. Das mag in absoluten Zahlen stimmen, denn es gab wohl über 100 Millionen, die im Zuge dieser Kriege umkamen. Andererseits muss man aber bedenken, dass diese 100 Millionen nur ein Prozent ausmachen derjenigen, die überhaupt während dieses Jahrhunderts gestorben sind. Also nur einer von 100 starb im Krieg oder in den Folgen, und wenn wir  durch einen Friedhof wandelten, würden wir unter 100 Grabsteinen nur einen finden mit der Inschrift „gefallen“ oder „Opfer des Krieges“. Diese Darstellung soll die Sache nicht verharmlosen aber insofern ins rechte Licht rücken: Können wir uns wirklich vorstellen, dass in früheren Jahrhunderten weniger als ein Prozent durch Kriege umkamen? In den Folgen der Reformation, in Zeiten des Ritterwesens, des römischen Reiches mit seinen Expansions- und Bürgerkriegen, als die griechischen Kleinstaaten und Städte sich in endlosen Kämpfen aufrieben, die Perser nach Europa, die Europäer nach Persien zogen, in all diesen Epochen soll weniger als einer auf 100 durch Kriege umgekommen sein? Das lässt sich, wenn auch in keiner Weise nachprüfen, so doch nur schwer vorstellen.

Die Kriege im vergangenen Jahrhundert waren furchtbar und überstiegen – in absoluten Zahlen – alles je Dagewesene. Aber sie waren, auf die gesamte Weltbevölkerung gerechnet, wohl kaum verheerender, als was der Menschheit schon immer von Seiten dieses Übels begegnet ist – und also irgendwie in ihrer Natur zu liegen scheint. Dass bei tausendmal höherer Bevölkerung auch tausendmal mehr im Kriege sterben, macht zwar die Sache nicht schöner, nimmt aber doch sensationslustigen Pessimisten und Katastrophenfreunden etwas den Wind.