DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

18. Februar 2013

Wie glücklich die Menschen im einzelnen sind, bleibt uns verborgen. Man sieht nur, dass die einen mehr klagen, die anderen weniger, aber ein zwingender Zusammenhang zwischen den äußeren Verhältnissen und ihrer inneren Befindlichkeit läßt sich daraus keinesfalls ableiten. Ein Besteiger des Mount Everest kann in furchtbare Nöte geraten, unter schrecklichen Schmerzen, gar den Tod vor Augen und doch behaupten, er sei glücklich, während ein anderer, dem nichts Sichtbares fehlt, immerzu über seine seelischen Qualen lamentiert. Warum die einen sich eher als Zufriedene oder Glückliche geben, könnte zuweilen auch daran liegen, dass sie bloß mehr Stolz besitzen und sich schämen würden zu klagen, aus Furcht, wie Verlierer dazustehen – sie wären also glücklich aus Eitelkeit. Die Leidenden hingegen wollen sich Gehör verschaffen, indem sie auf das Mitleid pochen und erhoffen sich, wenn nicht Ansehen und Zuneigung, so doch Aufmerksamkeit und Fürsorge – sie wären also unglücklich aus einem ebenso egoistischen Motiv wie die anderen glücklich.
Jedenfalls lässt sich weder aus den Äußerungen noch aus den Umständen über tatsächliches Glück oder Unglück urteilen.