DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

29. Januar 2013

Weissagungen, Orakelsprüche – diejenigen unserer Wissenschaften nicht ausgenommen – Fernheilungen, Handauflegen, Wirkstoffe in homöopathischer Dosierung, Gesundbeten, Mittel und Kuren der Ärzte: Dass dergleichen häufig Wirkung tut, scheint mir weniger ein Beleg für die davon ausgehenden Kräfte, als vielmehr für die enorme Sensibilität vieler Menschen, die so weit geht, dass sie sogar auf ein offensichtliches Nichts – wie die mannigfachen Placeboeffekte bestätigen – mit erstaunlichsten Symptomen reagieren.

Einst nahm ich an einer Veranstaltung teil, wo ein berühmter japanischer Chi–Lehrer vorführte, wie er mit reiner Geisteskraft diese geheimnisvolle Energie, welche die Fernöstlichen Chi oder Ki nennen, im Hara, der Bauchgegend, sammeln und von dort gebündelt auf sein Gegenüber strömen läßt, welches dadurch die wunderlichsten Wirkungen erfährt. Tatsächlich wurden viele der Teilnehmer, vor allem der Teilnehmerinnen, allein durch den kraftvollen Ausstoß seines Atems, begleitet von einer imperativen Geste, mehrere Meter durch den Raum an eine gepolsterte Wand geworfen, wo sie taumelnd niedersanken, beglückt von solchem übernatürlichen Kraftimpuls. Daß es dabei jedoch sehr auf die Empfänglichkeit ankam, war deutlich, denn einige reagierten überhaupt nicht und empfanden auch keinerlei Wirkung, wie ich es von mir selbst bestätigen kann.

Natürlich ist es letztendlich egal, wo der Effekt seine Ursache hat, ob in der ausströmenden Kraft des Magiers oder der hohen, bis zur Erfindung neigenden Empfindsamkeit des Empfangenden – die Wirkung ist ja beidemale dieselbe. Dennoch neige ich, von Natur und aus Erfahrung, zu der Ansicht, dass sich die Hauptsache beim Empfangenden abspielt und vom Sendenden nur erfordert ist, dass er die Saiten an der rechten Stelle anschlägt und die Resonanzfrequenzen trifft.

Dies scheint mir auch eine Parallele zu der Auffassung, dass die Moral beim Empfangenden entsteht, welcher demnach dafür verantwortlich ist, ob eine Tat als gut oder böse gilt. Losgelöst von den Interessen des Empfängers müssen alle Taten neutral sein – und werden ja auch von verschiedenen Betrachtern ganz unterschiedlich beurteilt und erst recht neutral, wenn wir etwa das Treiben der Tiere und Pflanzen betrachten. Der Täter ist nur insofern moralisch verwickelt wie er entweder hofft, beim Empfänger auf Lob, Anerkennung und Zuneigung zu stoßen, oder fürchtet, sich ihn zum Feinde zu machen – welche Furcht mit dem schlechten Gewissen gleichzusetzen ist.