DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

10. Januar 2013

Von Reliquien geheime Kräfte erwarten und an Orte ihrer Aufbewahrung pilgern gilt heute als naiver Aberglaube, als Relikt aus Zeiten vor der glorreichen Aufklärung, seit welcher man sich von derlei Klamauk angeblich nicht mehr narren läßt. Doch schauen wir, was heute an die Stelle getreten ist: Wir glauben daran, es sei ein Gewinn oder eine besondere Auszeichnung, in fremde Städte und Länder zu reisen, als Tourist unzählige Seltsamkeiten zu bewundern, kreuz und quer über den Globus zu hetzen, um unser Geld zu verteilen.

Wie früher die Reliquie einer Kirche oder einer Stadt besonderes Ansehen und viele Besucher und also wirtschaftliche Vorteile einbrachte und deswegen das angebliche Grabtuch Christi in tausendfacher Ausführung und Zerstückelung als Werbeschild genutzt wurde, so kramen heute alle Orte irgendwelche Sehenswürdigkeiten heraus, um diese Touristen anzulocken, die Geld bringen und dem Ansehen aufhelfen. Diese Dinge sind sämtlich so wenig handgreifliche oder nachprüfbare Werte wie die Reliquien, und trotzdem laufen ihnen alle nach, und jeder glaubt, dass er etwas dabei gewönne — wie zuvor die frommen Christen an einem angeblichen Blutstropfen oder Stückchen Stoff oder Knochenteilchen vom Erlöser.

Oder: Wenn der Wert eines manchen Kunstwerkes ohnehin schon bezweifelt werden kann, was soll vollends der Vorteil sein, ein Original zu besitzen, anstatt eines guten Druckes oder einer kaum zu unterscheidenden Kopie? Aber wir nennen sie Fälschung und verachten jeden, der sich damit schmücken will. Welche übernatürlichen Kräfte aber sollten eigentlich von einem Original ausgehen, für das die Menschen unglaubliche Summen bezahlen? Welchen Gewinn soll mir fünfzig Jahre alter Wein bringen, welchen Vorteil die Blaue Mauritius, warum würde ich es allen erzählen, wenn mich eine weltberühmte Persönlichkeit zum Essen einlüde, was liegt daran, wenn ein Haus schon viele hundert Jahre alt ist und historische Männer darin geweilt haben? War das Essen deswegen nahrhafter, ist das Dach deswegen dichter?

Ein Großteil unseres Lebens und der Dinge, auf die wir große Stücke halten, besteht aus solchen Wahngebilden, von denen wir uns Vorteile erwarten, mit denen wir prahlen, an denen wir den Wert unseres Daseins messen – denen wir also irgendwelche geheimen, segensreichen Kräfte zumessen – wie die naiven Gläubigen ihrer Reliquie.