DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

18. Dezember 2012

In ihrem Streben nach Glück versuchen die östlichen Weisen und viele ihrer esoterischen Nachahmer das Ich zu überwinden, das Selbst zu entgrenzen, mit der Welt Eins zu werden. Ich gehe den entgegengesetzten Weg, bekenne mich zum Ich, zum natürlichen Streben nach Anerkennung und Macht, welche mir die hauptsächlichen Quellen und Grundlagen des Glücks zu sein scheinen.

Erstaunlicherweise nehme ich auf meinem Wege ganz ähnliche Erfolge wahr wie die Esoteriker von dem ihren berichten: eine zunehmende Gelassenheit sowie eine Art Versöhnung mit den Gegensätzen und Streitigkeiten, die uns überall begegnen – und gewöhnlich ärgern. Indem ich die Gegensätze als Natur ansehe, die Streitigkeiten als Grundprinzip allen Lebens und Wachsens und sogar alle moralischen Werte von jeder höheren Herkunft entblöße, sie stattdessen als bloße Werkzeuge in dem ewig währenden Ringen um Selbstbehauptung und Machtgewinn interpretiere, wird mir alles zur Natur und vergleichbar mit den Gräsern auf der Wiese, die ebenfalls sämtlich nach oben streben und nach Möglichkeit ihre Nachbarn überschatten und überwuchern.

Wenn nun die Esoteriker und östlichen Weisen auf ihrem Wege glücklich werden, ich aber auf dem meinen, ganz und gar entgegengesetzten, so kann es ja nicht am Wege liegen, sondern muss von anderen Dingen herrühren.

Man könnte das Alter anführen, welches gelassener macht gegen Zustände und Ereignisse, die uns schon zum x-sten Male begegnen, die ihre Gewalt und Anstößigkeit, mit der sie uns anfangs überrollten, so ziemlich an uns abgerieben haben. Man könnte den Charakter des Einzelnen anführen, wo der eine zur Genügsamkeit, der andere zum Leiden und Wehklagen neigt. Vielleicht gibt es, wie sich neulich ein kühner Denker ausgedrückt, auch schlichtweg nur Glückliche und weniger Glückliche, fürs Glück Begabte und Unbegabte, und alles, was man unternimmt, um daran etwas zu verbessern, prallte letztlich an diesen Naturgegebenheiten ab.

Die Östlichen schwören auf Entgrenzung, denn nur durch Überwindung des begrenzten, ewig streitenden Ichs könne das Glück erreicht werden. Sie halten daran fest, nur durch Überwindung der Natur (als was eine Entgrenzung letztlich bedeutet) könne man zum Erfolg kommen und also selig werden. Diese Festlegung auf einen einzigen möglichen Weg erinnert an den Anspruch der Religiösen, dass nur durch Glaube an ihren Gott und an das Jenseits, an das Fortleben nach dem Tode im Paradiese, die Misslichkeiten des Lebens und vor allem der Schrecken des Todes zu ertragen seien, und dass diejenigen, die sich ihr Lebtag gegen den Glauben gesträubt, spätestens in ihrer letzten Stunde voll des Schreckens und der Furcht den Übergang in die andere Welt anträten. Zur Bekräftigung führen sie Beispiele an, wie einer auf dem Sterbebette dann doch noch um den Glauben und die Aufnahme in die Kirche gefleht habe. Nun hat sich aber in neuerer Zeit gezeigt, dass, im ganzen, die Ungläubigen nicht ängstlicher in den Tod gehen als die Gläubigen — die sich ja womöglich noch vor der Hölle fürchten müssen — woraus wiederum zu schließen wäre, dass es viel eher an der Lebenslage oder am Charakter liegt, wie einer diesen Schritt bewältigt — die einen jammern und zittern, die anderen schreiten ruhig und stoisch — dass unser Glück und Unglück vom Wege, den wir beschreiten, von der Religion, die wir wählen, von der Weisheit, die wir verfolgen, von den Lehren und Lehrern, denen wir anhängen, so ziemlich unabhängig ist und wir unser Schicksal erfahren, selbst wenn wir uns gar keiner Lehre anschließen, keinerlei Glücksrezepte sammeln, sondern einfach drauflos marschieren, wie es ja so viele tun, von denen sich keinesfalls sagen ließe, dass sie im Durchschnitt unglücklicher wären.

Übrigens, wenn für einen Glauben oder eine Weisheitslehre geworben wird, hört man allenthalben von Erleuchteten, selig Gewordenen, ihre ursprünglichen Leiden überwunden Habenden, und wie deren Erfolg hinreichend Beweis für die Kraft und Wahrhaftigkeit dieser Lehre sei. Die Tausende oder Hunderttausende jedoch, welche dieselbe Lehre aufgegriffen, sich dieselbe Mühe gegeben aber erfolglos zeitlebens in ihrem Unglücke steckengeblieben, die werden freilich nicht aufgezählt.

Aus meinen eigenen Beobachtungen würde ich schließen, daß diejenigen, die von Natur mit einem schwachen Willen, wenig Ehrgeiz, wenig Stolz ausgestattet sind und stattdessen lieber auf das Mitleid der andern bauen, dass diese, auch wenn sie lange und mühevoll in Weisheitslehren, Therapien, Meditationen und Selbsterfahrungstechniken ihr Glück versuchen, am Ende doch um kein Stück glücklicher werden, sondern wie einst und je im Sumpfe ihrer Seele herumwühlen. Und dass diejenigen, die erfolgreich waren, es aufgrund ihres Wesens auf jeden Fall geworden wären, hätten sie sich, anstatt mit Glückstheorien auch bloß mit Handel, Politik oder Kriegskunst beschäftigt, ja hätten sie bloß in einer Werkstatt Autos repariert oder Ihren Garten umgegraben. Wer unternehmungsfreudig vorwärts strebt, kann diesen Bewegungsdrang und die Freude am Erfolg in jedem praktischen Berufe ausleben — und natürlich auch beim experimentieren mit psychologischen Therapien, durch stetige Vertiefung in Weisheitslehren oder religiöse Frömmigkeit. Die persönliche Grundstimmung macht den Ton in der Musik der Seligkeit, auf den Musiker kommt es an, nicht auf das gewählte Instrument.