DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

22. November 2012

Sobald wir werten werden wir parteiisch und also beschränkt. Wir mögen noch so allgemeine Argumente vorbringen oder die Globalisierung verteidigen, die allgemeinen Menschenrechte, den Gott aller Menschen, es wird doch immer parteiisch sein – sobald wir nämlich die eigenen Gedanken, Erkenntnisse, Systeme und Werte über die der anderen stellen. Dagegen ist gar nichts zu sagen, denn das Streiten, das Sich-behaupten-wollen, das Besser-sein-wollen ist der selbstverständlichste Vorgang in der Natur, es ist die reinste Natur. Nur mit strenger Logik ist es unvereinbar, denn von zwei Stäben kann nicht jeder länger sein als der andere.

Andererseits ist die Logik gar kein Wert an sich sondern wiederum bloß ein Werkzeug – ein Werkzeug unter vielen – dessen sich der Mensch bedient, um seinen Argumenten Gewicht zu geben, um sich Gewicht zu geben, um den Gegner zu schwächen, der, wenn es seinen Argumenten an Logik gebricht, als ein geistig Minderbemittelter dasteht. Ob eine Entscheidung, die auf logische Schlüsse gebaut ist, mehr Gutes bringt als eine, die auf bloßen Gefühlen ruht, läßt sich aber niemals feststellen – ja, nicht einmal was das Gute überhaupt sei, denn auch dieses ist ein sehr wandelbares Ding.