DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

8. November 2012

Man fragt natürlich, ob diese hier entwickelte Betrachtungsweise auch irgend einen Nutzen bringe oder wenigstens mein eigenes Leben positiv beeinflusst habe — und diese Frage ist mehr als berechtigt, denn ohne einen solchen praktischen Nutzen bliebe ja nur noch der Vorteil der Erkenntnis, mit der man zwar glänzen aber die meisten Probleme doch nicht lösen kann.

Nun handelt es sich bei meinen Betrachtungen zunächst zwar nur um Beobachtung und Beschreibung des Lebens und gar nicht um eine Anleitung, besser oder glücklicher zu leben und auch nicht darum, was moralisch richtig oder falsch, gut oder böse ist, sondern vielmehr was die Moral selbst ist und wo sie vermutlich herkommt – doch kann ich nicht leugnen, daß ich von meinen Erkundungen auch profitieren will und daß ich sicher längst aufgegeben hätte, würde mir nicht scheinen, ich zöge in der Tat einigen Gewinn daraus.

Als den Hauptgewinn würde ich nennen: Gelassenheit. Eine zunehmende Gelassenheit in Bezug auf mein persönliches Umfeld und auch hinsichtlich des öffentlichen politischen und kulturellen Geschehens. Gelassenheit in den Fragen, was menschlich, was gerecht, was gut oder böse, schön oder hässlich, wahr oder unwahr ist. Indem mir zunehmend bewusst wird, dass es hier nicht um höhere Prinzipien geht, sondern um das tägliche natürliche Ringen eines jeden Einzelnen um seine Geltung und Anerkennung, gelingt es mir, sowohl die Positionen der anderen als auch meine eigene mit weniger tierischem Ernst zu betrachten.

Gerade auch die eigenen Fehler, für die man sich schämt, wegen derer man sich haßt, kann ich insofern gelassener sehen, als ich sie nicht mehr als absolute Verfehlungen betrachte, sondern als an sich wertfreie Handlungen und Eigenschaften, die nur leider nicht taugten, sich Zuneigung und Anerkennung zu verschaffen, ja durch die man sich womöglich Hass und Feindschaft zuzog. Aber die Anderen hassen mich nicht wegen meiner Fehler sondern wegen ihrer Nachteile, also aus purem Egoismus – und das ist gewissermaßen tröstlich.

Solange man den Gegner zu ernst nimmt in seinem Anspruch, hinter seinen Vorwürfen und Forderungen stehe Gott selbst oder der edle Humanismus oder die vollkommene Gerechtigkeit, Schönheit oder Wahrheit, wird man schärfer getroffen und läßt sich leichter in die Enge treiben, und solange man überzeugt ist, ebenfalls für derartige unverhandelbare Werte zu streiten, verbeißt man sich in seine Stellung und lässt sich von Wut und Hass aufreiben.

Ohne diesen Ernst wird man gelöster zu den Seinen, den Freunden und allen anderen, kann sie vorbehaltloser und herzlicher lieben, ist von ihrer Eitelkeit, ihrem Geltungsdrang, ihrer Lobsucht weniger angewidert, über ihren Eigennutz weniger entrüstet – weil man ohnehin davon ausgeht, dass sie von nichts Anderem angetrieben werden, und dass dies die natürlichste Sache von der Welt ist, und dass man selbst, samt allen anderen Geschöpfen der Natur, zu dieser Welt gehört.

Ich könnte mir vorstellen, dass der größte Gewinn, den die Menschen in Religionen und Weisheitslehren finden, darin besteht, dass sie sich aus den Turbulenzen und Verstrickungen der täglichen menschlichen Händel ein gutes Stück befreien, indem sie ihren Maßstab nicht mehr bei den Menschen suchen, sondern bei einem darüber stehenden absoluten Wesen, oder indem sie, wie im Zenbuddhismus, ihr eigenes Ich überwinden, d.h. aus der Verstrickung in diese nimmer endenden Geltungskämpfe heraushalten. Obwohl ich nun einen gegenläufigen Weg beschreite und das Ich mit samt seinem Geltungsdrang und Machtstreben als eine natürliche und fruchtbare Kraft gelten lasse, komme ich, was die wohltuende Wirkung auf das Gemüt betrifft, vielleicht zu einem ähnlichen Ergebnis. Indem ich den Wertungen, sowohl den Vorwürfen und Anklagen als auch den Lobeshymnen und Verherrlichungen, ihre Spitze, ja ihre Grundlage nehme und sie stattdessen auf natürliche Interessen zurückführe, nehme ich ihnen, zumindest in Gedanken, auch alle Schärfe und schaffe dem Gemüt Gelegenheit, ihnen in vollkommener Ruhe gegenüberzutreten. Sowohl die Furcht vor Abwertung als auch der Neid auf unerreichte Vorzüge wird gemildert mit der Einsicht, dass wir nicht wegen eines objektiven Mangels abgewertet werden, sondern nur weil andere, indem sie uns abwerten, sich selbst aufwerten wollen, und dass man nicht wegen objektiver Vorzüge höher steht, sondern nur gelobt und bewundert wird von welchen, die sich von ihren Komplimenten und Schmeicheleien wiederum eigene Vorteile versprechen.

In dieser Beruhigung und Befreiung des Gemüts sehe ich also den hauptsächlichen Nutzen, der aus meiner Betrachtungsweise zu ziehen ist. Der Rest ist Lust an Erkenntnis und Freude an einer neuen Darstellung, welche in vieler Hinsicht die gewöhnliche Oberfläche durchbricht und unerschrockener in Tiefen dringt, die mit solcher Konsequenz noch nicht ausgeleuchtet wurden.