DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

8. Oktober 2012

Dostojevski berichtet von einem Verbrecher im Mittelalter, der 60 Mönche und 6 kleine Kinder verspeist haben soll. Schließlich aber habe er es nicht mehr ausgehalten und seine Schandtaten gebeichtet.

Was mag ihn zur Beichte getrieben haben, und wie konnte er sich freiwillig den schlimmsten Strafen aussetzen? Hätte er nicht friedlich in seiner Sünde weiterleben können? War da ein Gewissen, das ihn zwang, die bösen Taten offenzulegen, Reue und Hass gegen sich selbst, eine Sehnsucht nach Buße in der Hoffnung, die Befleckung wieder auszuwaschen?

Ich glaube an diese Dinge nicht oder halte sie nur für eine den Leuten gefällige Ausdrucksweise, hinter welcher aber ein ganz anderer Antrieb steckt. Wenn es nämlich stimmt, daß dem Menschen die Zugehörigkeit zu einer Gruppe wichtiger ist als jeder materielle Vorteil und selbst als die körperliche Unversehrtheit, dann könnten etwa folgende Gedanken in einem solchen Delinquenten arbeiten: „So wie ich jetzt stehe, darf keiner, wirklich keiner, erfahren wer und was ich bin, sonst bin ich raus. Ich kann mich keinem anvertrauen, muß mich überall verstellen, als einen anderen geben als ich bin. Kann ich so überhaupt noch ich sein, oder bin ich schon gar nicht mehr? Bin ich nur noch ein Außerirdischer, der hinter einer Maske ein Schattendasein führt? Zwar bereue ich meine Taten keineswegs und halte mich auch für keinen schlechten Menschen, ich könnte ganz zufrieden sein mit mir und meinem Leben – wenn da bloß nicht die Furcht vor den andern wäre, vor ihren Anklagen, ihrer Verachtung, ihrem Hass und davor, daß sie mich aus aller menschlichen Gemeinschaft verstoßen.

Er erhofft sich nun von der Mitteilung seiner Verbrechen irgend eine Art von Vergebung oder jedenfalls die Aussicht, wieder mitzuspielen – wenn auch die Anwendung der Strafen fürchterlich treffen wird. Besser sterbend dazugehören als lebend draußenstehen. Wenn er seine Taten bekennt und die Buße auf sich nimmt, sich also dem Urteil der andern unterwirft und ihre Richtervollmacht anerkennt, so wird er, indem er sich erniedrigt und sie erhöht, ihren Haß besänftigen und ein gewisses Maß Vergebung erhalten.

Auch uns treibt es immer wieder, andere über unsere Schwächen und Verfehlungen aufzuklären, auch wenn dazu keinerlei Notwendigkeit bestünde – wir wollen lieber als Schwache und Sündige dazugehören, denn als Makellose ausgeschlossen sein. Allerdings spielt hier oft Koketterie und taktische Bescheidenheit eine wichtige Rolle – denn mit Herabsetzung der eigenen Position geben wir den andern das Gefühl, im Verhältnis gestiegen zu sein, und dafür danken und lieben sie uns. Wenn wir uns recht tief unter sie stellen, beschämen wir sie sogar, und sie ziehen uns wieder herauf, indem sie unsere Fehler verharmlosen und entschuldigen, und so erhalten wir für kleines Geld die bequemste Absolution. Mit unseren Bekenntnissen machen wir uns auch stark, denn wer freimütig zu seinen Fehlern steht, hat offensichtlich keine Furcht vor dem Urteil der andern, steht über dem Problem und hat es eigentlich schon überwunden.

Zwar etwas günstiger als besagter Menschenfresser – aber doch gar nicht so unähnlich – steht einer da, der durch Lotteriegewinn zu großem Reichtum kommt, aber keinem davon erzählen will, aus berechtigter Furcht, sich Neider und Feinde zu schaffen und alle echten Freunde zu verlieren. Auch er muß eine Maske aufsetzen und schließt sich innerlich von der Gemeinschaft aus.