DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

19. September 2012

Mit der Moral als Waffe kann sich auch ein Schwacher gegen einen viel Stärkeren durchsetzen, denn hinter seinen Argumenten, seinen Forderungen und Anklagen steht im Grunde immer dieselbe Drohung: Die andern werden alle mir Recht geben und auf meiner Seite stehen! Sie werden Dich schuldig sprechen und verurteilen, sie werden Dich schmähen, hassen und aus ihrem Kreise verbannen! Diese Drohung tut eine starke Wirkung, und die Furcht, sie könne wahr werden, ist nichts Anderes als das Schlechte Gewissen, welches den Kontrahenten, und wäre er ansonsten noch so stark, nicht selten zum Einlenken bewegt.

Ein Beweis für die ungeheure Wirksamkeit der moralischen Kriegsführung ist die Tatsache, dass in den meisten Ehen, über kurz oder lang, die Frau das Ruder übernimmt und zwar unabhängig ihrer Herkunft, ihrer Geldmittel, ihrer Reize oder ihrer allgemeinen geistigen Fähigkeiten. Denn sie schafft es, durch eine besondere, angeborene und instinktive Klugheit, diese moralischen Waffen so zu schärfen und gekonnt einzusetzen, dass alle anderen Machtmittel, Körperkraft, Intelligenz, Geld und selbst die Bemühungen um stoische Gelassenheit dagegen versagen.

Mit dieser Klugheit wurde sie von der Natur bedacht, um sich gegen den sonst stärkeren Mann zu behaupten – wobei sie den maximalen Effekt erzielt, wenn sie ihn in dem Glauben läßt, er hielte weiterhin das Zepter in der Hand, denn so wird ihn einerseits die Eitelkeit blind machen für die tatsächlichen Verhältnisse und anderseits der Stolz ihm verbieten, um Rechte zu streiten, die ihm keiner streitig macht.