DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

11. September 2012

Überall und ausschließlich gilt das Recht des Stärkeren. Darüber steht kein Gesetz, weder ein irdisches noch ein göttliches – jedenfalls soweit wir von einem solchen etwas wissen können.

Wer allerdings, im einzelnen Falle, der Stärkere ist, das lässt sich oftmals nicht erkennen, denn die Macht hat eine Vielzahl von Gesichtern und verbirgt sich hinter raffinierten, oft unscheinbaren Masken. Der Stärkere kann derjenige mit der stärksten Faust oder den besten Waffen sein, oder der Reiche, der sich vielen Einfluss erkauft, oder viele Arme, die den Reichen zum Teufel jagen, oder ein Diktator mit schlagkräftiger Gefolgschaft, ein Revolutionär, der die Massen aufwiegelt, die dann stärker sind als der bis dahin mächtigste Tyrann.

In ruhigen, bürgerlichen Zeiten wird um die Vormacht hauptsächlich mit den Waffen der Moral gekämpft: Der Streitende postuliert, daß Gottes Wille oder die alten Werte oder der Fortschritt oder die Gerechtigkeit oder die Menschlichkeit auf seiner Seite stünden und er, weil diese sich letztlich durchsetzen würden, gewinnen müsse. Wer sich ihm nicht anschlösse, hätte zudem mit Ächtung d.h. dem Ausschluß aus der Gesellschaft der Guten und Vernünftigen zu rechnen. Auf diese sehr schlagkräftige Waffe kann kein Streitender verzichten, weswegen sie auch von allen Parteien gleichermaßen eingesetzt wird – wodurch dann allerdings ihre Wirkung zum Teil wieder aufgehoben wird.

Religiöse Prediger und Glaubensführer suchen ferner damit zu beeindrucken, daß sie vorgeben, den Allerstärksten, nämlich Gott, auf ihrer Seite zu haben, was die Anhänger ermutigen und die Feinde verunsichern soll.

Die Moral ist auch bei privaten und persönlichen Streitereien die Waffe der ersten Wahl: Dem andern Ungerechtigkeit, Unzuverlässigkeit, Gemeinheit, böse Absicht, Hinterhältigkeit, Falschheit, Untreue vorzuwerfen ist das probateste Mittel, ihn zu schwächen und so die Oberhand zu gewinnen – worauf ja am Ende alles angelegt ist.

Auch in Fragen der Ästhetik und des Geschmacks gilt immer das Recht des Stärkeren. Nicht eine objektiv begründbare Kunst- oder Stilrichtung setzt sich durch (ein solches Ding existiert überhaupt nicht), sondern diejenigen, denen es gelingt, sich an die Spitze zu setzen, einen Trend zu begründen (der Mobilmachung zu einem Feldzug nicht unähnlich) die meisten Anhänger um sich zu scharen, die Bisherigen von ihrem Thron zu stürzen.

Dasselbe gilt im Bereich der Wissenschaft und Wahrheit, wo diejenigen obenauf stehen, die den Modegeist der Zeit erfassen, denen gelingt, die Sensationslust der Journalisten und ihrer Leser für ihre Zwecke zu nutzen. Sie legen fest wie die Welt entstanden, was den Menschen hervorgebracht, wie groß das Weltall sei, wie klein die Atome und ob das Licht die höchste mögliche Geschwindigkeit annehme.

Keineswegs aber gewinnt man Stärke und Macht allein durch offenen Streit. Auch wer sich großzügig und gefällig zeigt, überall hilft und sich einsetzt für das Wohl der andern, sie lobt und ihnen schmeichelt, Anteilnahme an ihrem Leid und ihrem Glück bekundet, ihnen Ehre erweist und stets mit Höflichkeit und Achtung entgegentritt, dabei noch Bescheidenheit übt, so daß sie sich gehoben fühlen – der wird seinerseits mit Beliebtheit, Ansehen und Ehre entlohnt – und also wird er Geltung und also Macht gewinnen.