DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

23. August 2012

Dass die Menschen fast alles nur tun in der Hoffnung auf Zuneigung, Aufmerksamkeit, Anerkennung und letztlich Zuwachs an Macht, mag zuerst einmal abschrecken und, weil aller Egoismus natürlicherweise negativ besetzt ist, die Welt als schlecht und eitel erscheinen lassen. Will man sich von dieser unerfreulichen Sicht befreien – ohne dabei die genannten Wahrheiten wieder aufzuweichen – so fährt man am besten, wenn man die Natur betrachtet und sieht, dass Tiere und Pflanzen ja ebenso ihre Schönheiten nur aus Geltungsdrang präsentieren, die Vögel ihr buntes Gefieder, der Löwe seine mächtige Mähne und die Blumen ihre herrlichen Farben, und dass, wenn man wegen dieser Selbstsucht verzagen wollte, man eben auch keinen Gefallen mehr an der Natur finden könnte. Der Mensch mit seinem Geltungsdrang fügt sich lückenlos in das allgemeine Naturgeschehen ein, weswegen es eine sehr beschränkte Sichtweise ist, ihn deswegen gering zu schätzen oder zu tadeln.

Dabei hilft auch die Einsicht, dass Egoismus ja nur aus Egoismus verurteilt wird – denn nur der Egoismus der andern ist unerwünscht, der eigene wird allenfalls verborgen, weil er unbeliebt macht und also Nachteile bringt.