DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

20. August 2012

Es scheint vermessen, dass ich in jeder Hinsicht von mir auf andere schließe, dass, weil ich in mir selbst viel Eitelkeit finde, überall Rücksicht auf die Meinung anderer nehme, überall besser sein will, auf meinen Vorteil schaue – wenn nicht materiell, so doch in Hinsicht auf mein Ansehen – dass ich unwillkürlich Freude an anderer Schaden finde – wenn nicht an ihrem Schaden selbst, so doch am relativen Vorteil, der mir aus ihrem Fallen erwachsen könnte – dass ich, nur weil diese Motive und Absichten und Empfindungen in mir selbst vorwalten, schließe, es müsse bei anderen ebenso sein. Dabei kann ich in keiner Weise in sie hineinsehen, sehe nichts als ihr Verhalten, ihr äußeres Benehmen, ihre Reaktionen, ihre Mienen. Daraus allein und aus der Erinnerung, wie ich, als ich mich ähnlich benommen, gefühlt habe, welche Absichten, welche Motive mich bewogen, schließe ich, dass es bei ihnen ebenso sein müsse.

Es ist dies einerseits zwar nichts als Spekulation, doch andererseits, muß man bedenken, hätten wir, ohne diese Spekulation, keinerlei Möglichkeit mit anderen in eine seelische Verbindung zu treten. Wir könnten nicht mitfühlen, nicht mitdenken, nichts verstehen von dem, was andere tun und was sie antreibt, denn wie sollten wir erahnen, was in ihnen vorgeht, da wir doch in keiner Weise in sie hineinsehen können? Wir könnten nur auf ihre äußeren Taten reagieren, wie ein Stein auf den Stoß eines anderen Steines, wir wären Monaden mit keinerlei geistiger oder seelischer Verbindung.