DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

16. August 2012

Man tut jedesmal empört, wenn Kirchendiener und Gottesgläubige auf ihren eigenen Vorteil schauen, als sei schließlich zu erwarten, daß sie jeglichen Egoismus an der Pforte ihres Kultes abgelegt hätten. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: sie treten ja dem Kult gerade um ihres Vorteils willen bei, um nämlich den Stärksten zum Schutzherrn zu haben, um sich vor andern zu brüsten, um einzuschüchtern: Ich bin ein Liebling des Allmächtigen, ich kann über Euch richten, denn ich kenne seine Weisungen, er wird mir in jedem Falle beistehen und Euch der Verdammnis übergeben. Mir gehört alle Würde und alle Ehrfurcht!

Daß einige dann tatsächlich auf materielle Güter verzichten und ein einfaches Leben führen, ist, gemessen an dem, was sie dafür einfordern – oder mindestens erhoffen – ein kleines Opfer, weil nämlich alles Materielle, gemessen an Ansehen, Einfluß und Macht, wenig zählt und meist bloß zum Mittel und Beförderer derselben dient. Und selbst das größte Opfer, das Opfer des eigenen Lebens, wiegt oftmals wenig, wenn dafür Ruhm und Ansehen erworben wird – denn die bloße Vorstellung davon, in der Vorwegnahme des postmortalen Glanzes, sticht alle anderen Genüsse aus.