DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

13. August 2012

Fast unser ganzes Tun und Trachten ist unnötig, das heißt unnötig für unser biologisches Überleben, es dient ausschließlich unserem Ansehen und Prestige. Von großen Reichtümern, Karrieren, Villen und Luxuslimousinen brauchen wir dabei gar nicht reden, bereits wenn ich in die Stadt gehe, Freunde zu sehen, hat das keinerlei biologische Notwendigkeit, es geschieht einzig um des Eindrucks willen, den ich auf andere machen will. Zuerst einmal kleide ich mich, um nicht wie ein Halunke auszusehen, dann sage ich freundliche, schmeichelhafte Dinge, um mich sympathisch zu machen, versuche dumme Äußerungen zu vermeiden, versuche witzig zu sein oder von interessanten Begebenheiten zu berichten, um Aufmerksamkeit zu erhaschen, um Wohlwollen zu ernten, um zu zeigen, daß ich noch mitspiele, noch nicht vertrocknet und abgestumpft bin. Schließlich gehe ich nach hause in der Genugtuung, wieder wer gewesen zu sein, mich im Spiegel ihrer Mienen gefällig betrachtet zu haben.

Mit diesem ganzen Aufwande habe ich nichts Nützliches oder Sinnvolles für mein biologisches Überleben getan, habe keine Nahrung, keine Kleidung, kein Holz für Feuer besorgt und kein Loch im Dach meines Hauses geflickt. Eine derartige Verschwendung wird nur verständlich, wenn man einsieht, daß Geltung unser hauptsächliches und natürliches Lebensziel ist – demgegenüber selbst die biologische Lebenserhaltung zurückstehen muß. Das biologisch Nützliche ist nur der allerkleinste Teil dessen, was in unserem Leben zählt, und deswegen verwenden wir auf das bloß Nützliche auch nur einen geringen Teil unserer Kräfte – es sei denn, ein erheblicher Anteil an Prestigegewinn wäre damit verbunden, dann wird oft das Nützliche und Notwendige einer Sache vorgeschoben, um den dahinter steckenden Prestigegewinn zu verstecken. Denn dieser erweckt stets Argwohn, Neid und Mißgunst, was wiederum Feindschaft und also Gefahr bedeutet.