DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

11. August 2012

Meine Darstellung, dass alles menschliche Handeln, sobald nur der leiseste Bezug auf andere aufgespürt werden kann, immer um des Ansehens, der Ehre, allgemein des Ranges wegen geschieht, also auch die sogenannten höheren Tätigkeiten der Wahrheitssuche, des moralisch Guten, der angeblichen Selbstlosigkeit, des Künstlerischen, Ästhetischen, diese Darstellung soll nicht zur Entwertung dieser Tätigkeiten verleiten, sondern, im Gegenteil, bewusst machen, dass diese die wichtigsten Austragungsplätze der überall in der Natur und also auch in uns zu findenden und vorherrschenden Lust am Wettbewerbe sind.

Diese Darstellung soll am allerwenigsten dazu verleiten, künftig nicht mehr nach Wahrheit zu suchen, sich nicht mehr zu bilden, zu kultivieren, keine guten und „selbstlosen“ Taten mehr zu vollbringen, unsere Wohnung nicht mehr zu schmücken, den Garten nicht mehr zu gestalten und keine Kunstwerke mehr zu schaffen – mit der Begründung, daß alle diese Dinge ja nur der eigenen Ehre und dem Prestige dienten – sondern, umgekehrt, gerade deswegen sollen wir all dies tun: um unsere Ehre zu erhöhen, um unser Prestige zu fördern, um unser Glück zu machen.

Denn zwar kommt alles auf Rang und Ansehen an, aber es gibt kein besseres Mittel, unser Glück zu befördern, als eben die genannten Tätigkeiten und Tugenden – auch wenn sie, dem Scheine nach, auf ganz andere Dinge abzielen. Auch des Fußballspieles Ziel ist, den Gegner zu umspielen, gute Pässe und letztlich Tore zu schießen, aber dies sind nur die unmittelbaren Tätigkeiten und allernächsten Ziele. Eigentlich geht es darum, zu gewinnen, d.h. mehr Tore zu schießen als der Gegner. Denn die geschossenen Tore, wären sie auch noch so schön und kunstvoll, haben, für sich genommen, nur einen momentanen und peripheren Wert und werden vollends bedeutungslos, sobald dem Gegner mehr gelingen. Das eigentliche Ziel ist zu gewinnen, den Vorrang zu erringen, besser zu sein – um beim Publikum Ehre und Ansehen zu genießen. Und dazu ist das Umspielen des Gegners und selbst das Schießen der Tore nur ein Mittel, für sich genommen aber bedeutungslos. Ebenso geht es mit guten Taten, die nur einen Sinn haben, wenn sie Ehre einbringen – und damit unser Glück befördern. Ebenso mit Kunstwerken, ebenso mit wissenschaftlichen oder philosophischen Erkenntnissen, ebenso mit Gottgefälligkeit und Frömmigkeit.