DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

1. August 2012

Nichts macht verhasster als Selbstgefälligkeit, und auch die Eitelkeit ist zum großen Teile nur deswegen widerlich, weil man ihr die Selbstgefälligkeit zugrunde legt. Warum aber hassen wir die Selbstgefälligkeit? Was geht es uns an, wenn einer sich selbst gut und makellos findet? Wir könnten doch sagen: schön für ihn, wenn er erreicht hat, wonach auch wir im Grunde streben, ja wonach ein jeder streben sollte! Aber wir dulden es nicht, und zwar weil sich der andere nicht von unserem Urteil und unserer Gnade freimachen soll! Wir wollen ihn in unserer Abhängigkeit, er soll uns stets verpflichtet sein, auf unser Lob hoffen, vor unserem Tadel zittern – denn sonst würde er nicht bloß aufhören uns zu dienen, sondern könnte uns auch nach Belieben schaden, mit allem was das Gesetz nicht verbietet, könnte uns verhöhnen, unseren Ruf beschädigen und sich gänzlich über uns hinweg setzen. Unser Einfluss auf ihn wäre dahin, unsere Macht und unsere Geltung hinüber.

Durch das enge Maschenwerk, das uns alle miteinander verknüpft – weil jeder von der Wertschätzung und Sympathie der andern abhängt – wird verhindert, dass ein Einzelner tun und lassen kann, was ihm beliebt. Dies gibt jedem in der Gemeinschaft Sicherheit, und die Gemeinschaft wacht darüber mit peinlicher Sorgfalt. Wenn einer sich selbst gefällt, löst er sich aus dieser gegenseitigen Abhängigkeit und erhebt sich über die andern, was nicht geduldet werden kann. Deswegen strafen wir den Selbstgefälligen mit Verachtung, schneiden ihn und lassen auf jede Weise durchscheinen, dass er uns unsympathisch ist. Auch versuchen wir, die anderen gegen ihn aufzubringen, auf dass er, unter dem Druck der Gemeinschaft, wieder zurechtgestutzt werde.