DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

31. Juli 2012

Manche bestätigen zwar, daß der Mensch hauptsächlich nach Geltung und letztendlich nach Macht strebe – und zwar auch in seinen subtilsten und „edel“ genannten Tätigkeiten wie „Gutes tun“, „um Wahrheit und Erkenntnis ringen“ oder „Kunstwerke erschaffen“ – sie sehen darin aber nicht einen Endzweck sondern wiederum nur das Mittel zu einem eigentlichen Zweck, und dieser sei, so glauben sie, Erfolg beim anderen Geschlecht und letztlich Befriedigung des Sexualtriebes, und ganz zuletzt sei es die Fortpflanzung, zu deren Sicherung die Natur alle Register zöge, um im Dienste der Evolution (die nach dem uniformen Glaubensbekenntnis unserer jetzigen Denker hinter allem steckt) das Emporstrebende und Starke zu fördern, das Schwächliche jedoch zu vernichten. Dort liege zugleich Ursache wie auch Ziel des Geltungsdranges und Machtstrebens.

Das mag nun so oder so von der Natur eingerichtet sein und ich will es hier gar nicht weitläufig behandeln, nur gebe ich zu bedenken, daß derartige Zusammenhänge sehr weit entfernt sind von dem Bewußtsein, mit dem wir die täglichen Handlungen der Menschen beobachten und analysieren.

Bei den meisten Handlungen sind wir uns ja nicht einmal bewusst, dass wir sie in Wahrheit um unseres Ansehens willen begehen, wie zum Beispiel bei den „Guten Taten“, wo wir uns gerne vormachen, wir handelten gar nicht für uns selbst sondern opferten unsere Interessen für andere. Oder, umgekehrt, wenn wir nach „Selbstverwirklichung“ streben, im Glauben, die Abhängigkeit von anderer Leute Urteil und Meinung abzuschütteln und endlich nach unserem eigenen Maßstabe zu leben – auch hier merken wir nicht, daß letztlich die Begier nach Anerkennung und Geltung dahinter steckt.

Wenn also unser Bewußtsein meist schon überfordert ist, diese doch naheliegenden Hintergründe und Motive zu erkennen, wieviel schwieriger ist dann nachzuvollziehen, daß alles möglicherweise wegen der Schürfrechte beim andern Geschlecht oder wegen eines Erfolges bei der Fortpflanzung oder gar für die Erfordernisse der Evolution geschehe? Da ist doch sehr viele Abstraktionsarbeit zu leisten, und es scheint mir sehr weit hergeholt. Wie gesagt, ich mag diese Zusammenhänge nicht bestreiten, aber sie haben mit unserer bewussten Realität kaum noch etwas zu schaffen.

Oft ist der Zusammenhang freilich offenbar: Er macht sich schön, trainiert seine Muskeln, hält große Reden und kauft ein schnelles Auto – weil er sich Erfolg bei den Frauen verspricht. Dies ist zweifellos eine starke Quelle unserer Motive aber eben nicht die einzige und also auch nicht die allgemeinste. Damit lassen sich viele unserer Handlungen erklären, aber doch nicht alle. Wenn etwa ein Priester das Gelübde des Zölibats eingeht, wird er es kaum wegen des Erfolges bei der Fortpflanzung tun, sondern eher um seine Würde und Heiligkeit und also seine Geltung zu befördern – und allenfalls diese wird er fortpflanzen wollen, sowohl bei den den Zeitgenossen, als auch über seinen Tod hinaus.

Wenn wir demnach das Streben nach Selbstbehauptung, Geltung und Macht als die grundlegendsten und allgemeinsten Motive annehmen, so können wir jede Handlung mit einem vertretbaren Maß an Phantasie erklären und haben obendrein noch ein allgemeinstes Naturprinzip, welchem alles in der Natur gehorcht, bis hin zum Stein, der sich mit seiner Härte behaupten und durchsetzen will.