DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

19. Juli 2012

Eher unter Persönliches könnte man die folgende Skizze meiner Beziehung zum Weltall, zur Kosmologie und Astronomie einordnen. Sie soll hier stehen aus aktuellem Anlaß, weil in diesen Tagen viele Schlagzeilen gefüllt waren mit der Verkündung, man habe am Forschungszentrum CERN ein neues Elementarteilchen, das Higgs-Boson, entdeckt – der letzte unbekannte Baustein des Universums – man werde damit die Erforschung des Urknalls entscheidend voranbringen und wertvolle Aufklärung über die Entstehung des Universums erhalten. Natürlich ist bei solchen Meldungen immer journalistisches Treibmittel am Werke, und auch die Wissenschaftler und Politiker genießen das Rampenlicht und nutzen die populären Erfolgsmeldungen zur Rechtfertigung ihrer Tätigkeit und der ungeheuren Mittel, welche dabei verschlungen werden. Mancher ernsthafte Wissenschaftler wird sich vielleicht bescheidener äußern und nur beschreiben, was tatsächlich geleistet wurde, ohne sich in Visionen und Ruhmseligkeiten zu verlieren. Trotzdem kann sich der Skeptiker in mir kaum verkneifen, hier noch einmal seine Position gegen solche Träumereien anzuführen. Die folgenden Zeilen sind im wesentlichen eine Kurzfassung der Auseinandersetzungen, die dem befreundeten Leser aus meinen Schriften zur Naturwissenschaft bekannt sind. (Manches dergleichen, von mir und anderen Autoren, findet sich auch im kürzlich erschienenen Buch von Gerhard Josten).

MEINE KOSMOLOGIE

Der Anblick des klaren und übervollen Sternenhimmels hat mich immer begeistert, und mit Kenntnis der Sternbilder hat sich eine Art Vertrautheit mit diesen unermesslichen Gegenden entwickelt. Soweit die romantische Seite.

Mir gefallen die erstaunlichen Fotografien der Planeten und ihrer Monde, der Sternhaufen, Galaxien, planetarischen Nebel, Supernoven und Quasare, und ich freue mich an der Vorstellung, dass es im Weltall ebenso bunt und vielgestaltig zugehe wie auf unserer Erde. Dies die ästhetische Seite.

An der Eroberung des Weltraums begrüße ich die technischen Errungenschaften, welche uns unmittelbare Dienste leisten, Datenübertragung, Navigationssysteme, Wettervorhersagen und dergleichen. Also die praktische Seite.

Damit endet jedoch meine Anteilnahme. Für alles Spekulative und Hypothetische – und darin besteht, nach meiner Auffassung, der überwiegende Teil aller heutigen Kosmologie und Astronomie – habe ich keinen Sinn, ja bin ich zutiefst ungläubig und man könnte sagen, ich glaubte diesbezüglich so sehr an die Skepsis wie andere an den Urknall und die Evolution.

Mit kurzen Worten würde ich es so beschreiben: Manches, was auf unserer im Verhältnis kleinen Erde in einem Zeitraum von wenigen Jahrhunderten gemessen wurde, weist gewisse Regelmäßigkeiten auf, die wir deswegen Naturgesetze nennen. Wenn wir daraus aber schließen, diese Naturgesetze müssten seit Milliarden von Jahren und in Entfernungen von Millionen von Lichtjahren unverändert gelten – bei gänzlicher Unmöglichkeit dafür jemals empirische Bestätigung zu erhalten – und es ließe sich mit bloßer Mathematik ausrechnen, was vor zwanzig Milliarden Jahren in einer „zehn hoch minus dreiundvierzigsten Sekunde“, der sogenannten „Planck-Zeit“, stattgefunden habe, nämlich der Urknall, aus dem das Universum samt uns allen hervorgekommen sei – so komme ich nicht gegen die Versuchung an, eine derartige „Wissenschaft“ in eine Reihe zu stellen mit Geisterglaube, Alchemie und Hexenkult. Es ist ja nicht anders, als würde der Kaspar Hauser, dem man erzählte, dass ein alter Mann mit jedem Jahr ein wenig kleiner werde, daraus schließen, dass derselbe Mann vor einer Million Jahren wenigstens zehn Kilometer gemessen habe.

Alles, was wir im Nachhinein erklären oder im Voraus berechnen können, stützt sich, wenn es Hand und Fuß haben soll, auf vielfache empirische Kontrolle. Zumal in der Technik – der einzigen Wissenschaft, in der jeder Schwindel sofort auffliegt – ist ohne Prüfung an der Wirklichkeit gar nichts auszurichten. Aber die Kosmologen und Astronomen treiben ihre Wissenschaft ins Blaue hinein, einzig auf Mathematik gestützt, ohne jede überprüfbare Rückmeldung aus der Natur – denn ihre Interpretation der empfangenen Signale aus dem Universum beruht ausschließlich auf spekulativen Annahmen und mathematischen Kunststücken. Wo ein Lichtstrahl herkommt, seit wann er unterwegs ist und warum er diese Farbe hat, ist, in der Sache begründet, unmöglich zu überprüfen und also mit empirischer Wissenschaft niemals herauszufinden. Ist da nicht schon gewagt genug, einen Stern wie unsere Sonne als seinen Ursprung anzugeben? Sollte man nicht an dieser Stelle wenigstens haltmachen, sich mit Beobachten und Beschreiben zufrieden geben, sich aber der sinnlosen Interpretationen und Hypothesen enthalten?

Aber genug davon. Wenn ich zwar nicht viel Nützliches in diesen Forschungen finde, so glaube ich andererseits doch nicht, dass sie großen Schaden anrichten. Denn selbst wenn man die Gehälter vieler Wissenschaftler, die mit nutzlosem Forschen ihr Leben hinbringen, als einen volkswirtschaftlichen Schaden betrachten wollte, so müsste man ja auch bedenken, dass die Menschen schon immer den größeren Teil ihrer Kräfte und Aktivitäten auf nutzlose Dinge verwendet haben, und dass die Wissenschaftler, die sich heute mit Urknall und schwarzen Löchern beschäftigen, in früheren Jahrhunderten vertreten waren von Geheimbündlern, die mit dunkler Magie und astrologischen Deutungen oder mit pedantischer Auslegung von Bibelstellen sich die Zeit vertrieben – und damit ebensolche Aufmerksamkeit genossen, denn das Publikum ist zu jeder Zeit mit von der Partie.

Häufig wird zur Rechtfertigung solcher Forschungen angeführt, es fielen dabei ja viele Erkenntnisse und Produkte ab, die auch in unserem täglichen Leben eine sinnvolle Verwendung fänden, und tatsächlich mag unbestritten sein, dass von den unzähligen Erfindungen, welche zur Beobachtung des Weltalls und zum Erfolg der Raumfahrt nötig sind, einige auch unser tägliches Leben bereichern – aber eben nur als zufällige Nebenprodukte, nicht in dem, worauf eigentlich die Energie und Arbeit gerichtet war. So fällt ja auch von der Rüstungsindustrie in dieser Hinsicht manches ab, und auch durch die Mühen des Lateinpaukens, sagt man, werde das Erlernen der neuen „nützlichen“ Sprachen erleichtert. Das stimmt freilich schon deshalb, weil jede Mühe, jeder Geistesblitz und alle Energie, die man auf eine bestimmte Sache richtet – wie der Strahl des Scheinwerfers im nächtlichen Dunst – ihren Abglanz auch auf andere, zunächst gar nicht beabsichtigte Dinge wirft. Deshalb wird, im Rückblick, auch kaum ein Ereignis unseres Lebens als völlig sinn- oder bedeutungs- oder nutzlos empfunden. Allerdings würde man wohl kaum mit Vorsatz nutzlose Dinge betreiben, allein in der Zuversicht, dass dann, unter den zufälligen Abfallprodukten, sicherlich auch hin und wieder etwas Nützliches herausgefischt werden könne. Vielmehr wird man die Lampe dorthin richten, wo man das Nützliche zu finden hofft. Ich werde deswegen nicht gelten lassen, wenn man die Erforschung von Urknall und schwarzen Löchern – ja nicht einmal die Raumfahrt zu Mond oder Mars – damit zu rechtfertigen sucht, dass dabei zuweilen auch etwas Nützliches für unser Erdenleben zustande käme. Dies hätte man nämlich, mit weniger Aufwand, durch direktes und zielgerichtetes Forschen schneller gefunden. So vermute ich auch, dass einer, dem die alten Sprachen keine Freude machen, beträchtlich weiter käme, wenn er die Mühe gleich aufs Erlernen der neuen verwendete.

Allerdings ist mit dem „Nützlichen“ bis hierher nur das Nützliche im rein materiellen, technischen Sinne gemeint, also wie etwa die Erfindung von Hammer und Nagel nützlich ist, um Häuser zu bauen oder die Erfindung des Penicillins dazu dient, viele Krankheiten zu heilen. Nützlich in einem höheren, seelischen und ideellen Sinne – welches ich als die weitaus wichtigere Grundlage unseres Wohlbefindens ansehe – können natürlich ganz andere Dinge sein. Etwa kann es den Stolz einer ganzen Nation und womöglich der Menschheit heben, wenn es gelingt, einen Fuß auf Mond oder Mars zu setzen, und die Vorstellung, es könne ein Urknall oder die Gravitation eines schwarzen Loches berechnet werden, erhöht das Selbstgefühl des Wissenschaftlers und eines jeden, der an solche Dinge glaubt. Außerdem üben Stürme und Gewitter, Feuersbrünste und Explosionen von jeher eine Faszination auf das Gemüt, und so hat der Urknall – als die Explosion der Explosionen – natürlich seinen Reiz.

Jedes Vergnügen, das einer in solchen Forschungen und Hypothesen findet, ist ein Nutzen in diesem ideellen Sinne – und weil die Natur vieler Menschen nunmal so beschaffen ist, daß sie daran Vergnügen finden, gewöhne ich mich daran, diesen Wesenszug als „Natur“ gelten zu lassen.