DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

13. Juni 2012

Wer die grundsätzlichsten Antriebe des Menschen, Eitelkeit, Ehrsucht, Geltungsdrang, Missgunst und Neid, als welche alle unter dem natürlichen Streben nach Macht und Selbsterhaltung summiert werden können, wer diese nicht gelten lässt, ja ihnen nicht gar noch etwas Vorteilhaftes, Großes und Gutes abzuringen vermag, dem muss die menschliche Gesellschaft ein erbärmlicher und hoffnungsloser Haufen sein. Ein von sich aus Edleres oder Höheres, welches bei genauerer Betrachtung nicht wiederum von diesen Antrieben bestimmt wäre, wird er nämlich nicht finden – und also auch keine Freude an diesem seinem Geschlechte und auch nicht an der übrigen Natur, denn die ist ja ebenso gestrickt.

Das bedeutet aber nicht, daß er deswegen keine Freude hätte, denn mit Anklagen, Kritisieren, Besserwissen und sich für besser Halten, mit der Verachtung von Eitelkeit, Ehrsucht und Geltungsdrang wird er sein eigenes Glück erfahren – und dieses Glück wird nicht geschmälert, wenn er nicht merkt, daß seine edle Verachtung gerade in diesen verachteten Trieben ihren Ursprung hat.