DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

25. April 2012

Ich hatte gesagt, allenfalls die Welt als Ganze sei um ihrer selbst willen da, alles in ihr jedoch habe einen Zweck, für den es gut sei, ein Ziel wohin es strebe.

Nun behaupten aber die Stoiker und viele andere, daß Tugend und Sittlichkeit ihren Wert gänzlich aus sich selbst schöpften und auch einzig um ihrer selbst willen da seien und sie, außer ihrer eigenen Vollkommenheit, kein weiteres Ziel erstrebten. Sie meinen damit, daß die gute Tat nicht davon abhinge, wie sie von anderen bewertet werde, sondern bloß von der guten Absicht des Handelnden, und daß dieser sie nicht beginge, um gelobt und geliebt zu werden oder sonst eines Vorteils wegen, sondern einzig um eben der Tugend willen.

Dies kommt allerdings heraus, als sei die Tugend eine Art Luftgebilde ohne Wurzeln, ein Gewächs, das keine Früchte trägt, eine Monade, die sich selbst genügt und aller Verbindungen zum gewöhnlichen Tun und Lassen ledig bleibt.

Tatsächlich aber ist Tugend und Sittlichkeit weder unabhängig vom Urteil der anderen, noch wird sie um ihrer selbst willen verfolgt. Sittliches Handeln ist nur gut in den Augen derer, die sich davon in irgendeiner Weise bevorteilt oder in ihrer Art bestätigt finden, keineswegs aber in den Augen derer, die dadurch verlieren. Töten im eigenen Kreise ist die schwerste Sünde, gilt aber als herrliche Tat, wenn ein böser Feind getötet wird. Und eben diese Tat wird wiederum in den Kreisen der Feinde als böse gelten, denn die halten sich ja, in ihrer Art, ebenfalls für die Guten. So pflegen Gangster andere Sitten als brave Bürger, Demokraten andere als Monarchisten, Liberale andere als Faschisten und Kommunisten, und wieder andere werden von Islamisten, Anarchisten und Terroristen hochgehalten. Alle aber sind sich darin gleich, daß sie sich und ihre Werte für die besten halten.

Also stehen Tugend und Sittlichkeit nicht für sich selbst, sondern hängen davon ab, wem sie nützlich sind. Dort werden sie gelobt, und dieses Lob fördert das Ansehen des Tugendhaften. Aus seinem Ansehen wächst dem Menschen aber das höchste Glück, und dieses Glück ist demnach der Zweck und das Ziel aller tugendhaften Handlung – und also wird die Tugend nicht um ihrer selbst willen geübt.

Man könnte nun allenfalls das Glück als einen Selbstzweck ansehen, denn das Glück wird freilich nicht um eines anderen Zweckes willen erstrebt sondern ist gewissermaßen ein Endpunkt und ein letztes Ziel allen Strebens. Mit der Welt als Ganze steht es deswegen aber noch nicht auf einer Stufe, denn diese hat weder eine erkennbare Ursache, noch einen weiteren außer ihr liegenden Zweck, ist sich also in jeder Richtung selbst genug, während das Glück durch und durch abhängt vom Ansehen, das wir genießen und von der Macht, die uns daraus erwächst. Dieses wiederum sind sehr wackelige Zustände, nicht zuletzt, weil sie hauptsächlich von unserer Einbildung abhängen – und diese wiederum von unserer ewig schwankenden Laune.