DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

19. März 2012

Neidisch sind wir alle, denn es findet sich immer einer, der auf einem Gebiet, wo wir selbst gerne glänzen würden, mehr hat oder besser ist. Den Neid überwinden können wir nicht, denn er ist ein Gefühl und über Gefühle hat aller Verstand und alle Vernünftigkeit keine Macht. Weil er uns jedoch schadet, indem er unsere Schwäche offenbart, müssen wir wenigstens versuchen, ihn zu verbergen. Das gelingt am schlechtesten, wenn wir nur sagen, wir seien nicht neidisch, die Sache interessiere uns nicht, oder wir hielten sie gar für verwerflich. Man wird es uns nicht glauben und eher Verdacht schöpfen, es seien die Trauben nur sauer, weil sie zu hoch hingen. Wirkungsvoller ist schon, den Beneideten für sein Talent oder seinen Fleiß zu loben, Schönheit zu bewundern, den Komfort des Wagens zu bestaunen und dem Geschmack für die häusliche Einrichtung allen Respekt zu zollen. Zwar hat auch dies noch den Geruch des Neides, der nie ganz von uns weichen wird, solange der andere mehr hat oder besser ist, aber wenn man naiv genug bewundert, schlüpft man doch leichter durch die Witterung – zumal auch der Bewunderte selbst von unseren Komplimenten so benebelt wird, dass er darüber den Argwohn vergisst und uns für herzlich liebenswürdig hält.