DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

18. Februar 2012

Aus Reinhard Hallers DAS GANZ NORMALE BÖSE:

Mit dem ersten Schuss ist die entscheidende Grenze übersprungen. Der Amokläufer kann dann gar nicht mehr zurück, es tritt für ihn auch gefühlsmäßig ein neuer, nie gekannter Zustand ein. Er erfährt das Gefühl der Wichtigkeit und kostet zum ersten Mal jenes der Mächtigkeit, der grandiosen Überlegenheit, der Einzigartigkeit. In einer Mischung aus narzisstischem Höhenrausch und Untergang erlebt er sich als gnadenlose Rächer, als unbesiegbare Kampfmaschine, als Herr über Leben und Tod.

Der Amokläufer hat sämtliche kontrollierende Instanzen seines ich‘s ausgeschaltet, er folgt einem aus dem destruktiven Potenzial zahlreicher Kränkungen resultierenden, auf dem Boden von Demütigungen gewachsenen, dem Bedürfnis nach Rache geschriebenen Plan. Er befindet sich in einer unvergleichlichen Endzeitstimmung, in einem nicht bekannten Vernichtungsrausch – das Böse nimmt seinen Lauf.

Die modernen Amokläufe zeigen eine enge Verflechtung mit den Präsentationschancen über das Internet, das dem Täter die Möglichkeit eröffnet, seine so belastende Botschaft der Welt mitzuteilen und einmal für einige Stunden wichtig zu sein. Jugendliche Amokläufer bezeichnet man deswegen auch als Herostraten, als Verbrecher aus Ruhm-und Geltungssucht. Diese werden benannt nach Herostratos, welcher im Jahr 356 v. Chr. eines der sieben Weltwunder der Antike, den Artemistempel in  Ephesos, in Brand steckte. Sein Name sollte dadurch, so gestand er unter Folter, für alle Zeiten bekannt bleiben.

Kommentar: Man sieht hier, an einem eklatanten Beispiel, wie Geltungsdrang und Machtstreben eine alle anderen Motive überstrahlende Wirkung üben – weil Geltung und Macht des Menschen höchstes Glück bedeuten. Wenn unsereiner bei seinem Streben nach Glück nicht ebenso um sich schießt, so nur deswegen, weil er die Situation realistischer einschätzt und deswegen fürchtet, mit derartigem Tun alle Geltung und Macht zu verlieren, denn er würde alsbald gehasst, verfolgt, als geisteskrank verachtet, eingesperrt und seiner Freiheitsrechte beraubt. Wären diese Dinge nicht zu fürchten, so hielte ich für sehr wahrscheinlich, dass Amoklaufen die normalste und alltäglichste Sache wäre.