DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

15. Februar 2012

Wenn ich behaupte, daß alles, auch das Moralische, ja besonders das Moralische, nur getan wird, um sich gut darzustellen, um sich wichtig zu machen, um letztlich Macht zu erringen, dann mag das zunächst nicht sehr erfreulich klingen und manchem geradezu von einem misanthropischen Weltbilde zeugen. Darum geht es bei dieser Betrachtung aber nicht. Nicht ob die Menschen gut oder böse sind, sondern was sie überhaupt sind, unabhängig von unseren jeweiligen Interessen und Vorlieben.

Wenn wir dieselben Bezeichnungen auf Naturdinge anwenden, haben wir keinerlei Bedenken, von der blühenden Rose und dem ausschlagenden Baume zu sagen, daß sie es nur tun, um sich zu behaupten, sich hervorzutun, sich durchzusetzen – um, in ihrer Art, Macht zu erringen. Und wie die Pflanzen und Tiere dazu ihre Mittel und Strategien haben, so auch der Mensch – dem aber zusätzlich noch die moralische Agitation zur Verfügung steht.

Sowenig wir in der Natur also etwas Schlechtes an diesem Ehrgeiz finden, so wenig sollten wir – zumindest auf einem solchen neutralen Standpunkt – beim Menschen Anstoß daran nehmen. Tatsächlich nehmen wir auch keinerlei Anstoß, solange nicht unsere eigenen Interessen irgendwie berührt werden.