DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

9. Februar 2012

Die Kosmopoliten, die Toleranten, die Liberalen, Demokraten und Humanisten, sie sind von eben demselben Parteigeist getrieben wie Kommunisten, Faschisten, Islamisten und, über Jahrtausende hinweg, die Fechter des jüdischen und christlichen Gottes. Alle wollen Sie ihrer Gruppierung – und damit ihrem eigenen Interesse, ihrem Ansehen, ihrer Macht – zum Durchbruch verhelfen und sie möglichst über die Welt verbreiten. Keine dieser Ideologien kennt dabei eine Grenze, alle erstreben den maximalen Einfluss, die absolute Macht, den totalen Sieg. Und alle stützen sich dabei, sobald es ernst wird, auf uneingeschränkte, grausamste Gewalt. Auch die liberalen, demokratischen, toleranten Kosmopoliten würden, sobald ihre Werte und also ihre Macht in Gefahr geriete, nicht vor dem Einsatz der wirksamsten Waffen und millionenfacher Vernichtung zurückschrecken.

Ein solches Verhalten gilt uns als fanatische Verblendung – aber eben nur bei unseren Feinden oder bei vergangenen, überwundenen Kulturen. Sobald es um unsere eigene Haut geht, um unsere Werte, unsere Rechte, unsere Freiheit, ist uns jedes Mittel recht.

Deschner polemisiert in zehn dicken Bänden seiner Kriminalgeschichte des Christentums gegen die ungezählten Grausamkeiten, mit denen diese Religion ihre Macht errungen und verteidigt hat. Aber er merkt nicht, dass seine eigene aufklärerische Gesinnung mit ebenso vielen Kriegen und Millionen Toten erkämpft und verteidigt wird und im Rückblick späterer Jahrhunderte um kein Jota vernünftiger oder harmloser oder sanftmütiger dastehen kann. Natürlich finden jetzt nicht sämtliche Attentate, Aufstände, Freiheitskämpfe, Revolutionen und Kriege auf einmal statt sondern verteilen sich auf Kontinente und Jahrzehnte, und so mag uns die Gegenwart vernünftiger und friedlicher vorkommen, doch wird im Rückblick unsere Zeit, die für Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und „Frieden“ kämpft, nicht friedlicher dastehen als für uns die christlichen, islamischen, jüdischen Epochen, die von Schlachten und Schlächtereien überquollen – im Namen ihrer Heiligtümer.

Unsere eigene Brutalität wird uns nur deswegen nicht bewußt, weil wir uns selbst stets auf der Seite des Guten, Vernünftigen, Gerechten, Edlen, Humanen sehen – und die Anderen als böse Schädlinge, die man leider Gottes totschlagen muß. Allerdings sehen sich unsere jeweiligen Gegner natürlich ebenfalls auf der Seite des Guten und Gerechten, und so war es bei den Früheren und wird es bei den Kommenden sein – denn das Ringen um die Oberhand wird nie ein Ende nehmen, nicht bei den Menschen und nicht bei den Gräsern auf der Wiese.