DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

31. Januar 2012

Dass es auch in der Liebe weniger um das Lieben als vielmehr um das Geliebtwerden und Geachtetwerden geht, zeigt schon der erste Vorgang des sich Verliebens: was macht uns denn verliebt? Doch nicht, dass der andere schön und begehrenswert ist, denn da müssten wir uns ja in viele verlieben, die täglich um uns her spazieren. Das Verliebtsein wird aber nur dadurch ausgelöst, das ein solches begehrenswertes Geschöpf ein Zeichen seiner Aufmerksamkeit sendet, dass wir uns einbilden können, wir hätten Interesse geweckt, wir kämen gut an und erschienen selbst als begehrenswert. Dann erst fängt die Maschinerie zu laufen an, und je mehr wir uns bestätigt glauben, desto begehrenswerter ist uns ein solcher vorteilhafter Spiegel. Deswegen werden wir auch sofort eifersüchtig und finden es ekelhaft, wenn andere in unserer Gesellschaft flirten und voreinander kokettieren – denn wir bleiben dabei ja außen vor, werden nicht bewundert, nicht begehrt, und das ist, zumal in solchem Kontrast, schmerzlich.