DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

26. Januar 2012

Während der Genuß aller unserer gewöhnlichen Güter unzuverlässig sei und ständig bedroht von Hunger, Schmerz, Krankheit und der Furcht vor dem Tode, gelte dies doch nicht von den wahren Gütern, den Tugenden, aus welchen der Weise allein sein dauerhaftes Glück bezöge. Genannt werden Sittlichkeit, Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Nächstenliebe, Tapferkeit, Frömmigkeit, Mitleid, Demut und Bescheidenheit. Sie hätten Teil an unvergänglichen höheren Werten und könnten also vom Schicksal nicht geschmälert werden. So die Philosophen und Weisheitslehrer vom Altertum bis in die Gegenwart.

Das Sittliche und Tugendhafte ist in Wahrheit aber nicht beständig, denn was in den einen Kreisen sittlich ist, also lobenswert, das kann in anderen Kreisen und zu anderen Zeiten gerade unsittlich und tadelnswert sein. Und da wollen wir den tugendhaften glücklichen Weisen sehen, wenn er durch irgendwelche Umstände gezwungen wird, aus seinem angestammten Kreise, wo er Bewunderung und Verehrung genießt, zu weichen in einen anderen, wo seine bisherigen Tugenden nichts gelten, ja verachtet und bestraft werden. Wenn etwa ein tüchtiger Krieger, der, durch seine mutigen Taten zum Helden geworden, in eine Gesellschaft von Pazifisten gerät, wo er als blutrünstiger Gewaltmensch, ja als Mörder dasteht, verschrien und ausgegrenzt; oder umgekehrt, ein Pazifist, der gezwungen würde, sein Leben unter begeisterten Kriegern zuzubringen, in Feldlagern, in Kasernen, überall gescholten als Feigling, als Drückeberger, als nutzloser Tagedieb, der das Gemeinwesen beschädigt.

Was bleibt vom Glück des Weisen, wenn seine Tugend zum Schandmal wird, seine Sittlichkeit zur Sittenlosigkeit? Kann er sich trösten, dass seine bisherigen Werte irgendwo in der Ferne noch gelten, bei Menschen, die er nie mehr wieder sieht, von denen er nie wieder geachtet und gelobt wird? Oder hat nicht der Kreis, in dem er jetzt lebt, einen viel mächtigeren Einfluss, weil es der einzige Ort ist, wo er sich von neuem bewähren kann – und weil die eine Sittlichkeit, von einem neutralen Standpunkt betrachtet, keineswegs mehr wert ist als die andere und am Ende alles daran hängt, Gesinnungsgenossen zu finden, bei denen man mit seiner Tugend etwas gilt?