DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

20. Januar 2012

Cicero legt großen Wert auf die Unterscheidung zwischen den Lüsten des Körpers und den seelischen Freunden, welche sich dadurch auszeichnen sollen, dass sie um ihrer selbst willen erstrebenswert seien. Er nennt dazu die Würde, die Ehrenhaftigkeit, ureigene Schönheit der Tugenden und die Güter der Kultur und des Geistes, Gedichte lesen oder schreiben, Weltgeschichte oder Länderkunde treiben, eine Statue, ein Gemälde, eine schöne Gegend betrachten, Sport oder die Jagd pflegen. Diese alle, meint er, treibe man um ihrer selbst willen und hätten einen eigenen Wert und bezögen sich nicht bloß auf den Körper.

Kommentar: diese Unterscheidung ist aber falsch, denn so wie die körperlichen Genüsse den Zweck haben, den Körper zu erfreuen, so haben die seelischen den Zweck die Seele zu erfreuen. Man könnte sogar sagen, daß warme Bäder, süße Speißen, liebliche Weine und köstliche Liebesspiele den Körper immerhin unmittelbar erfreuen, während die von Cicero genannten edlen Tätigkeiten zunächst einmal auf unsere Vorstellung zielen, wir würden durch sie unseren Wert in der Gemeinschaft steigern, uns Anerkennung und Zuneigung erwerben, und erst diese Vorstellung von unserem höheren Ansehen bewirkt dann die seelische Freude. Also haben diese edlen Tätigkeiten erst recht einen ganz außerhalb ihrer selbst liegenden Zweck und ruhen keineswegs in sich selbst oder sind um ihrer selbst willen da – was auch völlig unsinnig wäre, denn wozu sollte etwas um seiner selbst willen da sein? Dann wäre es ja zu nichts gut, das heißt es wäre gar nicht gut.