DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

8. November 2011

Die Welt als ganze ist vielleicht um ihrer selbst willen da, aber alles in der Welt bedingt sich gegenseitig und ist also stets für etwas anderes da. Es dient als Ursache für eine Wirkung, als Motiv für eine Handlung, als Auslöser oder Gegengewicht und hat also immer irgendeinen Zweck, ist Mittel für ein Anderes. Einen Selbstzweck gibt es nicht und zwar auch nicht in der Tugend und auch nicht in der Kunst – obwohl diese Redeweise häufig verwendet wird, um einer Sache höhere Weihen und mystisches Ansehen zu verleihen. Meist wird aber damit nur gemeint, eine Sache habe keinen bloß materiellen Zweck oder könne nicht mit materiellen Gütern aufgewogen werden. Wenn einer das Seinige opfert, um der Güte oder Gerechtigkeit willen, so hat er freilich für sich keinen materiellen Vorteil verfolgt – sehr wohl aber einen ideellen, denn er genießt fortan große Achtung, und dies ist in der Gemeinschaft ein wichtigeres Gut als bares Geld.

Auch die Kunst ist nicht um ihrer selbst willen da, sondern um unsere Lebensräume auszuschmücken, und wie viel im ganzen Kunstbetrieb dem Drang nach Geltung geschuldet ist, davon macht man sich schwerlich einen hinreichenden Begriff. Es fängt schon an, wenn ich mein Zimmer schmücke mit Möbeln, Tapeten und Bildern – da glaube keiner, dass nicht von Anfang an der unbewusste Trieb in mir walte, andere mit meinem Geschmack, meinem Kunstsinn und meinen Möglichkeiten zu beeindrucken, und wenn ich ins Museum gehe, überhaupt wenn ich mich bilde – statt zu huren und zu schlemmen – treibt mich die heimliche Begier nach Ansehen – wo mich sonst die Furcht vor Mißgunst und Verachtung quälen würde.

Man könnte allerdings weiter fragen: wozu wird dieses Ansehen begehrt? – nun, es dient dem Machtgewinn. Wozu wird die Macht begehrt? – nun, um sich in der Welt höchstmöglich Gewicht und Dauer zu verschaffen. Aber hier beginnt sich die Sache bereits im Kreise zu drehen, denn man sagt in der Antwort nicht viel mehr als schon in der Frage gelegen hat. Das kommt daher, dass wir uns Abstraktionen nähern, die bereits das Wesen der Welt als ganze umfassen. Die Natur, die Welt, sie wollen da sein und so auch alle ihre Teile und Einzelwesen, und dieses Dasein ist der letzte Zweck und also nicht mehr Mittel zu einem anderen Zweck.