DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

29. Oktober 2011

Man sagt, das höchste Glück bestehe in gerechtem Handeln, in Gemeinsinn, Hilfs- und Opferbereitschaft, kurz in Ausübung der moralischen Tugenden.

Man sagt, solches Handeln belohne sich selbst und unmittelbar, der Lohn liege in der Handlung selbst und sei unabhängig von äußeren Umständen, unabhängig von der Laune der Andern oder den Zufälligkeiten des Schicksals.

Worin allerdings dieser Lohn bestehen soll, den sich der Tugendhafte selbst erschafft, das bleibt gewöhnlich im Dunkeln, und der angebliche Vorgang erinnert an den Trick der Mythologie, wonach Gott die Welt aus sich selbst hervorgebracht habe.

Ich denke aber, man kann die Sache auch nüchterner angehen und diesen Lohn als etwas durchaus Greifbares, zumindest psychologisch Nachvollziehbares benennen. Der Lohn besteht in Lob und Anerkennung und Zuneigung, welche dem Tugendhaften zuteil werden, denn die Andern, denen die gute Tat Nutzen bringt, werden es, in der Regel, auf diesem Wege vergelten.

Auch dass die Tugend sich selbst belohne, trifft in gewissem Sinne zu: denn auch wenn Lob und Anerkennung ausbleiben, verschafft bereits die bloße Vorstellung, es würde jeder, der von der Tat erführe und sie mit rechtem Sinne auffasste, voll des Lobes sein, dem Tugendhaften größte Befriedigung und höchstes Glück. Diese Vorstellung ist aber der stete Begleiter jeder guten Tat und in der Regel sogar das entscheidende Motiv – Zusammenhänge, die man zwar gerne leugnet, und die tatsächlich oft nur dumpf empfunden werden, die aber derjenige, der die feinen Regungen seines Innersten aufmerksam belauscht, sicherlich bestätigen kann.

Also ist richtig: Die Tugend verschafft das höchste Glück – denn sie verschafft Geltung; und sie trägt ihren Lohn in sich – denn auch wo reale Anerkennung ausbleibt, schafft sie sich der Tugendhafte in der Vorstellung.