DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

7. Oktober 2011

Die ewige Frage der Moral, ob der gute Charakter angeboren sei oder ein Produkt unserer Erziehung, würde ich so beantworten: Angeboren ist uns der Drang gut zu sein, wir wollen uns bewähren, hervorragen, glänzen oder wenigstens bestehen und haben Angst, aus dem Kreis der Unsrigen verstoßen zu werden. Worin aber dieses Gutsein jeweils besteht, das leitet sich aus Erziehung und Erfahrung her – denn es entspringt der jeweiligen Situation und Interessenlage: Moralisch gut handeln heißt, dasjenige tun, was der eigenen Familie, den Freunden, dem politischen Lager oder der Religionsgemeinschaft nützlich ist, was ihnen materiellen Vorteil bringt oder ihr Ansehen hebt, letztlich was ihre Geltung und ihre Macht befördert. Für diese Handlung gibt es Lob und Ruhm und Himmelreich.

Weil aber dieses Nützliche, welches die moralische Qualität jeder Handlung bestimmt, immer verschieden ist, eben nach Situation und Interessenlage, nach Jahrhundert und Kulturkreis, und weil der Kreis, dem einer zugehören und gefallen will, ebenfalls wechseln kann, so kann das Wie und Was der guten Tat unmöglich dem Charakter angeboren sein, sondern muß sich aus den Umständen ergeben – schließlich gilt auch Rauben und Morden einmal als Heldentat, das andere Mal als böses Verbrechen, je nach dem ob der Nutznießer oder der Geschädigte spricht.

Daß einer überhaupt gut sein, d.h. gefallen und gelten will, das ist angeboren – und zwar jedem und in gleichem Maße. Was er aber tun muß, um dem eigenen Kreise nützlich und angenehm zu sein, um gelobt zu werden und als ein Guter dazustehen, das muß er zuerst lernen, teils durch aufmerksame Beobachtung seiner Umgebung, teils mit intuitivem Gespür für die Belange seiner Mitmenschen, und er muß sich ständig auf Veränderungen einstellen bis ans Ende seiner Tage, denn die Mitmenschen bleiben mit ihren Wünschen und Launen ebenfalls nicht stehen.

Dieser moralische Entwicklungsprozess scheint mir recht gut veranschaulicht durch das (in diesen Tagen viel besprochene) Experiment von Fehr, welches ich in Prechts Zusammenfassung wiedergebe: Bei einem ihrer Versuche verteilten die Forscher Süßigkeiten an 229 Kinder im Alter zwischen drei und acht Jahren. Sie forderten die Kinder auf, ihre Portionen mit jeweils einem anderen Kind zu teilen. Dieses andere Kind war dabei nicht im Raum, sondern nur auf einem Foto zu sehen. Wie würden die Kinder teilen? Würden sie alles oder das meiste für sich behalten? Oder würden sie »gerecht« teilen und dem abwesenden Kind die Hälfte abgeben? Nun, das Ergebnis war auffallend verschieden. Die drei- bis vierjährigen Kinder behielten ihre Süßigkeiten fast ausnahmslos »selbstsüchtig« für sich. In der Gruppe der Fünf- bis Sechsjährigen teilte etwa jeder Fünfte seine Schätze mit dem Kind auf dem Foto. Mit sieben bis acht Jahren dagegen teilte fast die Hälfte der Kinder gerecht und machte mit dem abwesenden Kind »halbe-halbe« – ein Ergebnis, das auch mit dem bei Erwachsenen übereinstimmt.

Daß Teilen gut ankommt und Nichtteilen unangenehme Folgen haben kann oder gar zum Ausschluß aus der Gruppe führt, das lernen die Kinder im Laufe der Jahre. Daß sie jedoch überhaupt gut ankommen wollen und sich vor dem Ausschluß aus der Gruppe fürchten, das bringen sie, als soziale Wesen, mit auf die Welt.