DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

26. September 2011

Warum die eine Tat als böse gilt, die andere als gut, liegt im Grunde nicht am Täter, denn der will beidemale dasselbe, nämlich seinen eigenen Vorteil. Entweder will er sich materiell bereichern mit Geld und Gütern oder ideell mit Anerkennung, Ehre, Geltung, Zuneigung. In jedem Falle aber will er sein Ansehen, seinen Rang und letztlich seine Macht erhöhen, denn dies ist die eigentliche Quelle allen Glücks.

Wenn er eine gute, d.h. anderen nützliche Tat vollbringt, dann nicht, weil er an ihrem Vorteil interessiert wäre, sondern weil sie ihm dann gut gesonnen sind, ihn achten, ehren, lieben – wodurch er in seinem Range steigt und also sein Glück befördert. Wenn er eine böse, d.h. anderen schädliche Tat vollbringt, mit Gewalt, Gemeinheit und Rücksichtslosigkeit vorgeht, dann auch hier nur, um seinen Rang zu erhöhen, sich bestmöglichst zu positionieren, seinen Wert und schließlich seine Macht zu steigern. Der Gute wie der Böse handelt aus demselben Motiv und verfolgt dasselbe Ziel.

Das absolut Böse, das Böse an sich existiert nicht, Gut und Böse hängen vielmehr ab von den jeweiligen Interessen. Das dem einen Schädliche und also Böse ist gleichzeitig einem anderen das Nützliche und also das Gute, des einen Leid, des andern Freud. Alles was in der einen Situation, in der einen Gegend, in der einen Zeit, in der einen Interessengruppe für böse gilt, gilt in einer anderen für gut und lobenswert. Man kann daher Gut und Böse unmöglich der Tat zuordnen und hat deswegen versucht, es am Willen, an der Absicht des Täters – also letztlich am Täter – festzumachen. Aber das führt nicht weiter, denn der Täter hat immer dieselbe Absicht, nämlich sich und seiner Interessengruppe zu nützen – sei es durch materielle Bereicherung oder durch Gewinn an Ansehen. Beides führt zur Erhöhung des Ranges, unserem bei weitem wichtigsten Anliegen überhaupt. Selbst wenn der Täter dem Empfänger nützlich sein will, so doch nur, weil er um den eigenen Ruf besorgt ist, weil ihn der Ehrgeiz treibt, als guter Mensch zu gelten und also geachtet und geliebt zu werden. Eine wirkliche Freude am Gewinn des Andern spielt nur in den seltensten Fällen eine Rolle.

Erst beim Empfänger, d.h. beim Opfer oder Nutznießer, entscheidet sich also die Frage nach Gut und Böse. Gewinnt er durch die Tat, so wird er sie gut heißen, verliert er aber, dann böse. Er hat dabei dieselben Interessen wie der Täter, nämlich materielle Güter und – in noch viel stärkerem Maße – Zuneigung, Anerkennung, Macht.

Weil man also weder der Tat einen absoluten moralischen Wert beilegen kann – gut oder böse hängt immer davon ab, auf welcher Seite man steht – noch auch dem Täter – dessen Wille ist sozusagen durch Naturanlage stets auf den eigenen Vorteil gerichtet und besitzt gar keine moralische Komponente – so bleibt nur übrig, alles Moralische beim Empfänger, d.h. beim Opfer oder Nutznießer zu suchen. Nur der Empfänger kann klar und eindeutig zwischen Gut und Böse unterscheiden – je nach dem nämlich, ob ihm Nutzen oder Schaden daraus erwächst.

Nicht auf die gute oder schlechte Absicht des Täters kommt moralisch alles an, sondern auf den Nutzen oder Schaden des Empfängers. Die Absicht des Täters ist nur deswegen von Bedeutung, weil sie den Grad der Erniedrigung des Empfängers widerspiegelt: Wer mir mit Absicht geschadet hat, der hat mich viel mehr gedemütigt und also herabgesetzt als der, dem es ohne Absicht nur passiert ist. Er hat gezeigt, dass es in seiner Macht und in seinem Gutdünken liegt, mir zu schaden, mich zu unterwerfen, über mich zu triumphieren – und dass er über die Mittel verfügt, es je nach seiner Laune wieder zu tun. Das ist für mich die größte Erniedrigung, ich werde ihn dafür hassen und, zur Wiederherstellung meines Ranges, auf jede erdenkliche Rache sinnen. Er ist für mich der wahrhaft Böse.

Für den Täter stellen sich gut und böse seiner Tat nur insofern dar, als er für die gute, das heißt den Seinigen nützliche Tat, deren Lob erhofft, für die böse, das heißt einer gegnerischen Partei schädliche Tat, deren Rache fürchtet – welche Furcht nichts anderes ist, als das schlechte Gewissen.