DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

6. September 2011

Werte, moralische, kulturelle oder religiöse, beziehen ihre Gültigkeit und Wahrheit nicht von einem Absoluten, Unveränderlichen, sondern wandeln sich fortwährend und unterscheiden sich auch zu jedem Zeitpunkt von denen der anderen, gerade existierenden Kulturen.

Ihre Funktion besteht zum einen darin, einer Gesellschaft eine Ordnungsstruktur zu geben, ähnlich derjenigen des Gesetzeswesens — und tatsächlich sind sich beide, die Werte und die Gesetze, in vieler Hinsicht ähnlich, und die Gesetze werden oft gesehen als die konkreten Vorschriften zur Umsetzung der allgemeineren Werte.

Zum anderen aber sind die Werte auch eine Art Standarte, unter der sich eine gesellschaftliche Gruppe, gleich welchen Umfanges, versammelt, um sich gegen andere abzugrenzen oder gegen sie zu Felde zu ziehen. Die Menschen wollen irgendwo dazugehören, gemeinsam stark sein, sich als die Besseren vorkommen, und dazu brauchen sie ein System von Werten, an denen sie andere Gruppen messen und schließlich abwerten können.

Die einen versammeln sich unter der Flagge einer Religion, die anderen wählen die Freiheit, Gleichheit, die Demokratie, den Sozialismus, den Faschismus oder manche gar die Anarchie, und selbst diese werden in ihrer gepriesenen Unordnung noch einen Katalog von Werten zusammentragen, der sie von anderen unterscheidet und sie über diesen minderwertigen Rest erhebt.

Nur in Gemeinschaften oder Kampfverbänden fühlt sich der Mensch wirklich wohl, er braucht sie, um seiner Streitlust zu frönen, um sich abzugrenzen, sich besser und stärker zu fühlen – und selbst Einzelgänger und Individualisten zimmern sich im Geiste ihre Wertgebäude und versammeln darin virtuelle Gleichgesinnte, um mit ihnen ihr Bessersein zu feiern.