DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

5. September 2011

Es gibt keine moralischen oder weniger moralischen Zeitalter, und man muss sich keine Sorgen machen, dass Moral und Sitte verderben würde, dass die heutigen Zeiten schlechter seien oder die junge Generation keinen Anstand mehr habe. Moralisch gut sein heißt anderen gefallen wollen, heißt ihnen nützlich und dienstbar sein, um ihre Zuneigung und Anerkennung zu gewinnen, um sich ein Mitgliedsrecht in der Gesellschaft zu erwerben. Der Drang dazu ist aber nicht anerzogen, sondern ein Urinstinkt zur Lebenserhaltung.

Anerzogen sind nur die einzelnen Formen und Regeln, in denen sich dieser Instinkt dann entfalten kann. D.h. wie einer gefallen will und wem er gefallen will, das mag sich sehr wohl ändern – und wenn ich nicht länger der Begünstigte bin, so mag mich das ärgern und ich werde den Sittenverfall beklagen. In Wahrheit ist aber nicht die Sitte verfallen, sondern hat sich allenfalls zu meinen eigenen Ungunsten verschoben – und zwar zu Gunsten anderer. Insgesamt sind die Menschen deswegen nicht weniger anständig und gut. Sie sind ja darauf angewiesen gut, d.h. anderen angenehm und nützlich zu sein, um nicht aus der Gesellschaft oder den von ihnen bevorzugten Kreisen verstoßen zu werden.

Einzelne Sitten mögen zerfallen und also die Zustände sich ändern, aber sie sind auch jetzt schon anders in anderen Ländern und anderen Kulturen und waren es zu andern Zeiten. Die Sittlichkeit insgesamt bleibt dennoch immer dieselbe, weil sie als ein Mechanismus von der Natur in uns gepflanzt ist, der das Zusammenleben stärkt, ja vielleicht erst ermöglicht. Und weil wir als gesellschaftlich angelegte Wesen der Gesellschaft bedürfen, um zu überleben, kann sich auch keiner von dieser Abhängigkeit lösen. Physisch kann ein Eremit oder Robinson Crusoe sich vielleicht noch recht und schlecht als Einzelwesen durchschlagen, seelisch aber nicht. Er wird immer die anderen bei sich haben und sein Verhalten an ihrem vorgestellten Urteile messen.

Mit dem Verlust von Sitte, Anstand und Moral beklagen wir nur unseren eigenen Verlust, dass unsere eigenen Werte und also wir selbst nicht mehr genügend geachtet würden. In Wahrheit aber haben sich die Werte und Wertschätzungen nur verlagert, und andere sind jetzt die Begünstigten. Es ist dies wie mit dem Verlust eines Vermögens: das Geld ist in Wahrheit nicht verloren, es hat nur ein anderer. Auch wenn die Aktien an der Börse stürzen, ist der Verlust des einen immer auch eines anderen Gewinn, und selbst in einer allgemeinen wirtschaftlichen Krise gehen mit dem Verlust des Geldes ja nicht zugleich auch die materiellen Güter zu Grunde sondern nur deren auf Papier geschriebener Symbolwert – oder gar nur deren virtuelle Ziffern in einer Datenbank. Nur deswegen erholt sich die Welt ja aus den schlimmsten Krisen immer wieder in unbegreiflich kurzer Zeit – weil eben der größte Teil der Güter noch vorhanden und nur neu geordnet werden muß.

Aber wie es freilich wenig trösten kann, dass ein verlorenes Vermögen nicht verloren ist, sondern bloß einen andern beglückt – und man deswegen alles daransetzt, es zu erhalten und zu mehren – so ist es auch nur natürlich und menschlich, an den eigenen Werten festzuhalten und für sie einzustehen, denn mit ihrem Verlust geht schließlich auch alle Macht und Ehre dahin, und also die Lebensgrundlage der Seele.