DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

26. August 2011

Das Gebot: Liebe deinen Nächsten, ist sinnvoll, sofern wir darunter verstehen: sei ihm nützlich und angenehm, denn nur so wirst du die Gunst und Achtung erhalten, davon dein eigenes Glück letztendlich abhängt.

Was sonst noch unter Liebe und Zärtlichkeit gehandelt wird, sind unwillkürliche, meist spontane Empfindungen, die aus heiterem Himmel oder unerforschlicher Quelle über uns kommen, auf die wir aber keinerlei willentlichen Einfluß haben — und die also auch nicht Inhalt irgendeines Gebotes sein können.

Diese Hingezogenheit und widerstandslose Lust am Andern, die Freude an seinen Vorzügen, an Berührung und Austausch von Liebenswürdigkeiten, ist ein Seelenzustand, der uns überkommt wie ein Rausch oder eine Gnade und meist nur gegen unsere Kinder oder engste Vertraute. Zwar mag in diesem Zustand unser Glück noch einmal höher ausfallen, weil ja jeglicher innerer Widerstand und jede Mühe verschwindet und nur das Angenehme bleibt, aber er läßt sich nun einmal mit keinem Vorsatz herbeiführen und hält gewöhnlich auch nicht lange vor.