DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

21. August 2011

Selbstbestätigung und Rechtfertigung vor sich selbst heißen nur deswegen so, weil sie in unserem Inneren, in uns selbst ablaufen anstatt in direktem Austausch mit anderen. Es sind aber deswegen nicht weniger die Anderen, vor denen wir uns dabei rechtfertigen, deren Bestätigung wir heischen, nur findet das Ganze in unserem Kopfe und nicht in der physischen Realität statt.

Sich vor sich selbst rechtfertigen, wäre ja auch ein Unding und völlig widersinnig: wieso sollte ich mich selbst anklagen und mich dann vor mir selbst rechtfertigen? Das wäre, wie wenn ich mich mit der einen Hand schlüge und mit der anderen Hand die Schläge abzuwehren suchte.

Nein es sind immer die Anderen, die mich anklagen, und deren ich mich erwehren will, um nicht zu verlieren, um in meinem Rang in der Gesellschaft nicht abzufallen: Wer ist der Bessere, wer hat Recht, wer die bessere Moral — d.h. die stärkere Meute hinter sich.

Dass diese Scharmützel fortwährend und fiktiv in unserem Geiste ablaufen, könnte man als ein von der Natur eingerichtetes Training zur Selbstverteidigung bezeichnen, Schattenkämpfe und Scheingefechte zur Ertüchtigung der Seele, zur Vorbereitung auf den realen und täglichen Wettbewerb.

Allerdings können wir uns auch so darin verwickeln, dass es wahnhaft wird und unsere Seele daran zerbricht. Aber dies ist nicht anders, als wenn wir unseren Körper über das gesunde Maß hinaus trainieren. Auch dort hat sich schon mancher die Knochen gebrochen oder Gelenke ruiniert und dabei alle Wehrtüchtigkeit verloren.