DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

17. August 2011

Die Moralisten glauben noch immer, dass es ein absolutes Gutes und Böses gäbe, und das ist ihre Befangenheit und letztlich, als Philosophen, ihr Verhängnis. Denn sie müssen sich notwendig in Widersprüche verwickeln und in Seichtigkeiten verlieren. Sie klammern sich an einen moralischen Instinkt, einen Kategorischen Imperativ, ein göttliches Gebot, an ein auf mysteriöse Weise in uns gepflanztes unbestechliches Gewissen, aber zwangsläufig führt dies zu Ungereimtheiten, denn in verschiedenen Gruppen, verschiedenen Kulturen, verschiedenen Epochen herrschen auch immer verschiedene Werte und zwar so gegensätzliche, daß sie sich unmöglich miteinander vertragen.

Das zeigt sich am deutlichsten zwischen Kriegs- und Friedenszeiten: Während in jenen das Töten als Heldentat gilt, wird es in diesen zum Verbrechen, und jeder sieht mit Furcht und Abscheu darauf. Auch dass ein vollkommen guter Gott das Böse in der Welt zulassen kann, oder wir tagtäglich, im besten Wissen und Gewissen, dieselben Taten bei anderen verurteilen, bei uns selbst aber, ein wenig umbenannt und umverpackt, rechtfertigen, alle dergleichen Widersinnigkeiten beruhen letztlich auf dem Irrtum, es gäbe ein objektives Gutes und Böses.

Sobald wir jedoch akzeptieren, dass das Gute immer das gerade Nützliche, das Böse immer das gerade Schädliche ist und was dem einen nützt, immer einem anderen schaden kann, dem einen also gut, dem andern aber böse vorkommt, dass das schlechte Gewissen nichts ist als die Furcht vor Repressalien und also eine Sorge um den eigenen Vorteil, sobald wir diese Naturgegebenheiten akzeptieren, lösen sich alle Widersprüche auf, und alles bekommt mit einem Male einen logischen Zusammenhang: Gut ist, was uns oder unserer Interessengemeinschaft nützlich ist, also gelobt wird, schlecht, was darin Schaden anrichtet und also getadelt wird.

Wenn wir dennoch zuweilen unsicher sind, ob gerade unsere Interessen- und Wertegemeinschaft denn auch die rechte Moral habe, ob wir wirklich auf der richtigen Seite stehen, dann nur, weil wir fürchten, dass eine andere Gruppe, die wir etwa schädigen oder beleidigen, dereinst Vergeltung üben könnte. Nur insofern hat auch der Soldat zuweilen ein schlechtes Gewissen: Er verdient sich mit seiner Grausamkeit zwar Lorbeeren im eigenen Lager, aber er fürchtet doch den Haß im gegnerischen – und nicht allein, weil der Feind am Ende siegen und sich rächen könnte, sondern weil schon geahnter Haß uns grundsätzlich ängstigt und bedrückt.