DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

22. Juli 2011

Aufgabe, Sinn und Ziel des Lebens ist es, möglichst glücklich zu sein. Weil aber das Glück dem Menschen hauptsächlich, ja fast ausschließlich, durch Anerkennung und Zuneigung der Anderen zuteil wird, muss er sich stets bemühen, etwas ihnen Nützliches und Angenehmes zu tun. Eine solche Handlungsweise wird Tugend genannt, steht in allerhöchstem Ansehen und bringt also dem Handelnden das höchste Glück. Deswegen stand das rechte Handeln im Dienste des Nächsten und der Gemeinschaft seit je an oberster Stelle, bei den Philosophen wie auch in den Religionen.

Weil wir uns jedoch oftmals schwer tun, unseren Nächsten zu dienen — da sie ja auch fehlbare Geschöpfe und vor allem unsere Konkurrenten sind — hat man zu abstrakteren Wesen als Stellvertreter Zuflucht genommen und also die Götter oder das Gute oder die Gerechtigkeit oder den Humanismus als neutrale Instanzen eingesetzt. Ihnen zu dienen bedeutet aber deswegen nichts Anderes als genau diesen Dienst am Nächsten, ihnen zu gefallen nichts Anderes als den Menschen zu gefallen.

Nur dass es eben leichter fällt — d.h. weniger unsern Stolz verletzt — einem Gott oder dem Guten oder dem Humanismus oder der Kunst oder dem Naturschutz zu dienen, als geradezu einzugestehen, man mache alles bloß, um den Andern zu gefallen und könne ohne ihren Beifall, ihre Achtung und Zuneigung nicht auskommen.