DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

18. Juni 2011

Das Ringen um Sympathie und Anerkennung ist dem Menschen ebenso natürlich und lebensnotwendig wie die Suche nach Nahrung. Würde er diese vernachlässigen, müsste er Hungers sterben, käme er jenem nicht nach, würde sein Wert in der Gemeinschaft fallen, er würde bald verstoßen und ebenfalls zu Grunde gehen. Der Mensch kann nur in Gemeinschaft überleben, er ist ein Rudel- und Herdentier, er muss sich ständig um Anerkennung und Zuneigung bemühen, um seinen Rang und seine Geltung kämpfen.

Daran ist aber so wenig Schlechtes oder Unnatürliches, wie am Essen und Trinken, es ist der Drang alles Natürlichen zu überleben, sich zu behaupten, sich hervorzutun, zu glänzen. Ohne diesen Drang wäre die Welt ein armseliger Ort und müsste vermutlich an sich selbst zu Grunde gehn.

Nur, wie man sich auch beim Essen Schaden zufügt durch falsche Kost und Maßlosigkeit, so kann man ebenso im Streben nach Rang und Ansehen leicht die falschen Mittel ergreifen:

Etwa die Eitelkeit: sie ist sicherlich die ergiebigste Kraftquelle im täglichen Kampf um Rang und Ansehen, doch wenn sie zu dick aufträgt, macht sie entweder den Eitlen lächerlich, indem seine künstlichen Täuschungsmanöver nur desto deutlicher die Schwächen offenlegen, welche er gerade verdecken wollte, oder sie macht ihn verhasst und ekelhaft: zunächst und überhaupt, weil er sich einen Vorteil verschaffen will, sodann, weil er dazu auch noch trügerische Mittel oder nichts als heisse Luft einsetzt, aber in der Welt, die sich nunmal leicht betrügen läßt, womöglich Erfolg haben könnte.

Offensichtliche Eitelkeit schadet also mehr als sie nützt, und wir sollten sie deswegen so gut es geht verbergen, sollten vielmehr die Anderen glauben machen, es ginge uns allein um ihren Vorteil, um ihr Ansehen, um ihren Rang. Zu diesem Zweck sind Komplimente das geeignetste Mittel, sie werden stets gerne aufgenommen und blenden den Geschmeichelten, so dass wir freier manövrieren können.

Auch das Streben nach Reichtum ist nicht unbedenklich. Zwar genießt der Reiche ein gewisses Ansehen, aber er ist auch Objekt der Missgunst und des Neides und verliert so leicht alle Zuneigung und Liebe – was auch gemeint ist mit dem Bilde, dass ein Kamel leichter durch ein Nadelöhr gehe als ein Reicher in den Himmel komme (denn die Achtung und Liebe der Anderen ist letztlich unser Himmelreich). Der Reiche hilft sich am besten durch einen nicht zu üppigen Lebensstil, durch ein vernünftiges Maß Freigebigkeit und überhaupt durch Spenden und Wohltätigkeit (weil ja der Ablasshandel, welcher im Grunde dieselbe Sache, nur ungeschminkter, betrieb, heute ganz aus der Mode gekommen ist). Mit diesen Mitteln macht sich der Reiche kleiner und gibt dem weniger Bemittelten das Gefühl, selbst, im Verhältnis, gehoben zu sein. Der Hass wird gemildert und kann, in manchen Fällen, sogar der Sympathie und Liebe weichen.

Viele der reichsten Männer unserer Zeit beweisen hierin großes Geschick, wie etwa Steve Jobs, der sich in Kleidung und Auftreten ganz wie einer aus dem Volke gibt, oder Bill Gates und Warren Buffet, die den größten Teil ihres unermesslichen Vermögens in eine wohltätige Stiftung geben. Sie verlieren dadurch nichts, weil ihnen immer noch mehr bleibt, als sie jemals für eigene Bedürfnisse verbrauchen könnten, aber sie gewinnen was für unser Glück ungleich wertvoller ist als alles Geld, nämlich Rum und Ansehen.

Solcher und ähnlicher Mittel müssen sich auch die politisch Mächtigen bedienen, um dem kleinen Manne das Bittere seiner Unterlegenheit zu nehmen und ihn glauben zu machen, daß der Große sein Leben und all seine Kraft für ihn opfere — was er ja letztlich auch tut, nämlich in der Hoffnung auf Ruhm und Ansehen.

Überhaupt werden wir für unsere Vorzüge zwar oft die erwünschte Anerkennung ernten, gleichermaßen aber auch Neid, Mißgunst, aufgestachelten Ehrgeiz der Konkurrenten, Eifersucht usw. Das bewährteste Mittel dagegen ist demonstrative Bescheidenheit, die sich zuweilen mit Vorteil bis zur Unterwürfigkeit steigern läßt. Zu diesem Zwecke müssen wir uns künstlich klein machen, auf dass der Andere seine Furcht vor Unterlegenheit verliere, welche die Quelle aller Mißgunst, Eifersucht und Feindseligkeit bleibt. Er fühlt sich durch unsere scheinbare Unterwerfung geschmeichelt und zugleich angeregt, wiederum unsere Qualitäten zu loben — weil er ja doch nicht wagt, unsere Unterwerfung geradezu und förmlich anzunehmen. Wir geben ihm so auch das Gefühl, er würde, wenn er uns achtet und lobt, selbst gut dastehen.

Sogar Schopenhauer, der erklärte Feind aller Bescheidenheit, übt sie, wenn auch indirekt, an vielen Stellen und zwar immer, wenn er von unseren Schwächen spricht. Mit dieser Gemeinmachung gewinnt er die Sympathie des Lesers, der immer genießt, wenn sich ein hoher Geist zu ihm herabbegibt, wodurch er nämlich seine eigenen Fehler gemildert, sein Potential aber emporgehoben sieht.

Allerdings auch mit dem entgegengesetzten Vorgehen gelingt es Schopenhauer, seine Anhängerschaft zu akquirieren, durch Arroganz und Großsprecherei, wenn er nicht müde wird, vom seltenen Genie — also von sich selbst — zu schwärmen und den die Welt überwuchernden geistigen Pöbel zu verhöhnen. Denn selbstredend zählt sich der verständige Leser sogleich zum erlauchten Kreise und blickt seinerseits mit Verachtung auf den ganzen blöden Rest.